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Und wieder ein Adventskalender - 2013

Japan, Japaner und deren Sprache

Moderator: Watashi

Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 1. Dez 2013 19:33

Liebe Forumsgemeinde,

es ist der 1. Dezember und ich habe euch nicht vergessen, ich war nur etwas faul bisher. Aber natürlich will ich euch auch dieses Jahr nicht ohne Japan-Adventskalender stehen oder sitzen lassen. Also für alle, die sich neben Sumo auch für Japan interessieren, werde ich wieder versuchen, 24 Tage lang über japanische Sehenswürdigkeiten oder andere Dinge aus dem Land der aufgehenden Sonne zu berichten. Ich hoffe, ihr habt euren Spaß daran.

Und hier ist die Karte, wenn alles geklappt hat (naja, ich arbeite daran).
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 1. Dez 2013 19:58

1. Okinawa Monorail - Yui Rail

Wir beginnen dieses Jahr mal ganz woanders, nämlich tief im Süden, so weit im Süden, wie wir noch nie waren, nämlich auf Okinawa. Der Grund ist einfach: Ich war dieses Jahr erstmals auf Okinawa und habe so einige mögliche neue Türchen zu schreiben. Also macht euch schon einmal auf einen mehrtägigen Aufenthalt gefasst.

Okinawa ist sowohl der Name der Präfektur als auch der Hauptinsel der Präfektur. Nur die Hauptstadt heißt anders, nämlich Naha. Hier beginnen wir am Flughafen, über den man in der Regel auf der Insel ankommt (es gibt natürlich auch noch Häfen und andere Flughäfen) und hier werden wir etwas Ungewöhnliches machen: Wir werden alle Schienenkilometer, die es auf Okinawa gibt, in einem Rutsch abfahren. Das ist deshalb so einfach, weil Okinawa die einzige Präfektur ohne S-, U-, Straßen- oder normaler Bahn ist. Das einzige Schienenfahrzeug, das Okinawa zu bieten hat, ist die Okinawa Monorail, auch als Yui Rail bekannt. Diese startet am Flughafen und endet nach 12,84 km und 15 Stationen (es ist eine Verlängerung um 4,1 km geplant, aber das wird vor 2019 nichts). Also steigen wir ein und fahren los.

1 Monorail Rail.jpg


Bis zum zweiten Weltkrieg hatte Okinawa drei richtige Bahnstrecken (OK, sehr schmale Schmalspurbahnen, aber immerhin). Diese wurden allerdings in der Schlacht um Okinawa im Sommer 1945 komplett zerstört, wie ein Großteil der Insel auch. Und so ist Okinawa heute die einzige Präfektur, deren Verkehr fast ausschießlich über das Auto abgewickelt wird.

Aber zurück zur Monorail: Diese fährt quer durch die Stadt auf Stelzen, so dass darunter Straßen, Fußwege oder Flüsse Platz haben. Das hat auch den Vorteil, dass die Monorail-Strecke von vielen Punkten der Innenstadt aus gesehen werden kann, so dass ein Richtungslegasteniker wie ich sich daran orientieren kann.

1 Monorail von unten.jpg


Von der Monorail sieht man die Innenstadt von Naha und stellt fest, dass es so auf den ersten Blick keinen großen Unterschied zu anderen japanischen Städten gibt. Die Palmen, die immer wieder zu sehen sind, sind jedoch ein Hinweis darauf, dass wir uns nicht mehr auf dem japanischen "Festland", sondern auf den subtropischen südlichen Inselgruppen befinden.

1 Monorail Bahnhof.jpg


Und morgen sehen wir uns an, wo die Monorail uns hingebracht hat.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Metzinowaka » 2. Dez 2013 07:47

Es gibt Traditionen, die sind einfach nur richtig gut. Der "japanische" Adventskalender ist eine davon.

Vielen, vielen Dank im voraus an Watashi hierfür.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon mischashimaru » 2. Dez 2013 09:24

:Chinese :applaus
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Heute ist nicht alle Tage - ich komm' wieder, keine Frage!
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Konosato » 2. Dez 2013 09:41

Ich habe mein Abonnement wieder eingelöst und warte interessiert auf die Fortsetzung.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Profomisakari » 2. Dez 2013 10:35

Einmal mehr: Danke, Anke!

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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon tainosen » 2. Dez 2013 11:47

schön schön!!!
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Tsubame » 2. Dez 2013 13:36

Bitte mehr! :D :applaus
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 2. Dez 2013 20:17

2. Shuri-jo - Japanische Burg einmal anders

Die Endstation der Yui Rail ist Shuri. Heute ist Shuri ein Teil der Stadt Naha, früher waren Naha und Shuri hingegen zwei unterschiedliche Städte. Naha war die Hafenstadt, in der die Kaufleute lebten, und Shuri die Burgstadt und Regierungssitz des Königreichs Ryukyu. Bis 1872 war Okinawa nämlich ein (mehr oder weniger) unabhängiges Königreich, Ryukyu, und wurde erst dann zum Teil des japanischen Kaiserreichs als Präfektur Okinawa.
1896 wurde Shuri dann zum Stadtteil von Naha, nunmehr die Hauptstadt der Präfektur Okinawa, 1921 wurden beide wieder getrennt, 1954 schließlich endgültig zu Naha verschmolzen. Heute ist Shuri eine Haltestelle der Yui Rail und der Stadtteil mit der höchsten Weltkulturerbedichte auf Okinawa. Seit 2000 gehören die gusuku (okinawanische Burgen) und damit zusammenhängende Stätten zum UNESCO-Weltkulturerbe, darunter Shuri-jo (die Burg von Shuri), Tamaudun (Grabmal der Ryukyu-Könige) und Sonohyan-utaki Ishimon, das Steintor eines alten Heiligtums, alle im Gebiet von Shuri. Wir sehen uns heute Shuri-jo, die Burg, an.

Shuri-jo wurde erstmals im 13. oder 14. Jahrhundert errichtet, mehrfach zerstört, wiederauf- und umgebaut. Im Zweiten Weltkrieg verlegte die japanische Armee ihr Hauptquartier in die Burg, was mit der fast vollständigen Zerstörung der Burg endete. Nur ein paar kleinere Burgtore konnte man überhaupt noch als solche identifizieren. Der Rest war komplett platt.

2 Shurijo Tor alt.jpg


Erst 1992, lange nach Ende des Krieges und etwa 20 Jahre nachdem Okinawa von den US-Besatzern an Japan zurückgegeben wurde, begann man mit dem Wiederaufbau der Burg nach alten Plänen, Bildern und Erinnerungen von Leuten, die die alte Burg noch kannten. Deshalb steht dort heute eine vollständige, umfassend verzierte Burg mit vielen Toren, Zugängen und Nebengebäuden. Auch unser Burgtor erstahlt in neuem Glanz.

2 Shurijo Tor neu.jpg


Den Mittelpunkt der Burg bildet ein Platz mit dem Hauptgebäude und zwei Nebengebäuden. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zu den normalen japanischen Burgen: Das Hauptgebäude ist knallrot gestrichen mit elaborierten mehrfarbigen Verzierungen, ein deutlicher Unterschied zu den sonst eher schlichten japanischen Burgen. Hier zeigt sich, dass Ryukyu ein ursprünglich unabhängiges Königreich war, das nicht nur japanischen EInflüssen, sondern mindestens so stark chinesischen EInflüssen ausgesetzt war. So war Ryukyu dem chinesischen Thron gegenüber lange Zeit tributpflichtig. Das Gebäude auf der rechten Seite zeigt hingegegen, dass Ryukyu ab dem 17. Jahrhundert von der japanischen Provinz Satsuma erobert wurde und jetzt auch zu Japan gehörte. Dieses Gebäude ist aus schlichtem, umlackierten Holz und wurde für japanische Zeremonien wie Neujahr genutzt. Chinesische Zeremonien hingegen wurden in dem Gebäude auf der linken Seite durchgeführt, das wie das Hauptgebäude knallrot gestrichen war und ansonsten auch als Verwaltungsgebäude diente.

2 Shurijo.jpg


Shuri-jo ist ein Zeichen der typischen Ryukyu-Kultur, die Einflüsse aus China und Japan aufgreift und zu einem eigenen Stil verschmilzt. Das zeigt sich nicht nur an der Burg, sondern auch sonst an vielen Ecken. Und dazu kommen noch Charakteristika, die typisch für Okinawa sind und sich in der Form weder in Japan noch in China finden.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Jakusotsu » 2. Dez 2013 21:41

Wo ist der "Like" Button, wenn man ihn ausnahmsweise mal bräuchte?
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 3. Dez 2013 20:52

3. Shisa - Aberglaube auf Okinawanisch

Dem geneigten Mitteleuropäer erscheinen Ostasiaten gerne sehr abergläubisch, so ziemlich alles kann Glück (oder Pech) bringen, jeder Tempel verkauft Glücksbringer und jede Gegend hat ihre eigenen Legenden. (Wobei ich vermute, dass mitteleuropäische Heiligenverehrung oder ähnliches den Ostasiaten vielleicht aus eher befremdlich vorkommt.)

Heute sehen wir uns so eine Legende an: Shisa (oder richtig: shiisaa, beide Vokale sind lang). Das sind Fabeltiere auf Okinawa, die irgendwo zwischen Löwe und Hund angesiedelt sind. Diese finden sich traditionell auf den Dächern, häufig über dem Eingang, von Häusern auf Okinawa, um Pech fern und/oder Glück im Haus zu halten. Häufig treten sie als Paar auf, einer weiblich, einer männlich. Einer hat das Maul geöffnet, einer geschlossen. Welcher dabei weiblich und welcher männlich ist, ließ sich für mich nicht endgültig klären, weil ich von unterschiedlichen Quellen unterschiedliche Aussagen zu dem Thema bekommen habe. Sicher ist wohl nur, dass es keine gleichgeschlechtlichen Paare zu geben scheint.
Den klassischen shisa kann man erst einmal in Freilichtmuseen oder über alten Häusern sehen. Ein gutes Beispiel findet sich beim Nakamura-ke, dem alten Haus der Familie Nakamura, das heute ein Museumshaus ist, wo man sich die traditionelle Bauweise und Ausstattung der Häuser gut situierter Bauern auf Okinawa ansehen kann.

3 Shisa klassisch.jpg


Die Familie Nakamura musste übrigens eine Sondergenehmigung beantragen, um überhaupt ein Ziegeldach bauen zu können (auf das sie dann den shisa setzen konnten). Normale Bauernhäuser hatten Reetdächer, Ziegeln waren nur den Reichen vorbehalten und mussten beantragt werden.
Bei den Nakamuras steht auch noch der alte shisa, der früher auf dem Dach war. Es gibt shisa also wirklich schon seit einer ganzen Zeit.

3 Shisa historisch.jpg


Doch die shisa sind keine rein historische Fußnote, vielmehr gibt es sie noch heute. Wenn man durch die Straßen von Städten oder Dörfern auf Okinawa geht, begegnen einem zum Teil auch auf modernen Häusern shisa. Auch wenn man vielleicht nicht mehr richtig daran glaubt, kann es nie schaden, auf Nummer Sicher zu gehen. Und schlecht sieht es ja auch nicht unbedingt aus.

3 Shisa modern.jpg


Und nicht nur auf den Dächern finden sich bis heute shisa. Auch an Eingängen oder Toren kann man die Viecher finden. Und einige scheinen nicht der klassischen Form zu entsprechen, sondern eher der Kreativität (und Geschicklichkeit) der Bewohner zu entstammen.

3 DIY Shisa.jpg


Ich wollte mir ja auch einen töpfern, aber die wollten ihn mir nicht nach Deutschland schicken, wenn er fertig getrocknet und gebrannt war. Deshalb habe ich es bei der Glasbläserei belassen, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 4. Dez 2013 20:21

4. Naval Underground Headquarters

Wir haben schon ein wenig von der Schlacht von Okinawa gehört, als es um die Zerstörung von Shuri-jo ging. Diese Schlacht war die letzte große Schlacht der Zweiten Weltkriegs. Okinawa war strategisch sehr wichtig für die US-Truppen als Stützpunkt für die potenzielle Invasion des japanischen Festlandes und für die Japaner als Verteidigungsbollwerk. Am Ende dauerten die Kämpfe drei Monate und endeten mit 12.500 Toten auf Seiten der Allierten, an die 100.000 Toten der japanische Truppen und mindestens noch einmal so viele Zivilisten (wobei die Grenze zwischen Soldaten und Zivilisten nicht immer eindeutig war). Nebenbei wurde die ganze Insel bombardiert und fast komplett zerstört und ganze Landstriche "umgestaltet". Und am Ende haben die Japanener natürlich verloren.

Insgesamt zeigen Museen etc. auf Okinawa eine eher realistische Einschätzung dieser Kämpfe. Die Rolle der Japaner wird durchaus negativ gesehen (vermutlich hilft es, dass die Einwohner von Okinawa sich von den Festlandsjapanern bevormudet und gezwungen fühlten) und es gibt keine übertriebende Heldenverehrung (Stichwort: ehrenhafter Selbstmord).
Dabei gibt es jedoch eine für den modernen MItteleuropäer eher unrühmliche Ausnahme: Das ehemalige Untergrundhauptquartier der Kaiserlichen Marine in einem Vorort von Naha. Hier ist der "japanische Geist" stark, der Selbstmord des Kommandanten wird gerühmt und auch sonst die Rolle des japanischen Militärs sehr positiv bewertet. Es wird beispielsweise nicht hinterfragt, ob die Japaner mit dem langen und blutigen Widerstand tatsächlich etwas gewonnen haben.

Wenn man dann aber in die alten Tunnel des in dern Felsen betriebenen Hauptquartiers hinabsteigt, merkt man schon, dass das ganze so rühmlich wohl nicht war, sondern eher sehr bedrückend. Und das schon, ohne dass in den Gängen wo immer möglich verletzte und ausgezehrte Soldaten sitzen.

4 Naval Underground Tunnel.jpg


Der einzige, der es halbwegs gut getroffen hatte, war der Kommandant. Der hatte sein eigenes "Zimmer", sogar mit Möbeln (und einem eigenen MIni-Schrein). Dort konnte er es relativ lange aushalten, um am Ende Selbstmord zu begehen, nachdem er noch ein etwas verstörendes Telegramm abgesetzt hatte.

4 Naval Underground Kommandant.jpg


Überhaupt wird Selbsttötung hier ganz groß geschrieben. In einem Raum, der von normalen Offizieren genutzt wurde, sieht man heute noch die Splitter einer Handgranate, mit der sich ein Offizier hier kurz vor Ende des Krieges selbst getötet hat. Natürlich ist das Teil der japanischen Geschichte, aber aus meiner Sicht hätte man das etwas differenzierter aufbereiten können.

4 Naval Underground Granate.jpg


Richtig verzockt hatten sowieso die normalen Soldaten, die im Flur sitzen mussten, aber auch Unteroffizieren, die sich zusammen in ziemlich kleine Ecken quetschen mussten. Zum Teil war es wohl so end, dass die armen Kerle nur noch stehend in die Nischen passten und so auch zu schlafen versuchen mussten.

4 Naval Underground Unteroffiziere.jpg


Insgesamt bin ich ganz froh, dass ich mir das ganze nur als Tourist ansehen konnte. Es ist ein interessanter Teil der japanischen Geschichte, aber einer, den man etwas differenzierter und neutraler aufbereiten könnte, aber so etwas wollte ich auch einmal vorstellen.
Und morgen wird es wieder netter. Versprochen.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 5. Dez 2013 20:25

5. Im Zentrum der Aufmerksamkeit

Heute verlassen wir Okinawa oder besser, wir arbeiten daran. Auf dem Flughafen möchte ich euch nämlich noch etwas zeigen: Im März und im August findet man unverhofft auf Regionalflughäfen wahre Menschen- und Presseaufläufe.

5 Menschenauflauf am Flughafen.jpg


Und wer sind diejenigen, die in der Mitte der Menschenmenge stehen? Nein, es ist nicht die japanische Nationalmannschaft im Fußball, Baseball, Volleyball oder auch nur Rugby (letztere übrigens bekannt als die "Cherry Blossoms", also die Kirschblüten). Es ist nicht mal eine der Jugendnationalmannschaften. Es ist "nur" das lokalen High School Baseball Team, das die Präfektur bei den nationalen High School Baseball Meisterschaften, die zweimal im Jahr im legendären Koshien Stadium (Präfektur Hyogo) stattfinden, vertritt. Diese werden jeden Tag live bei NHK (oder NHK Education) übertragen und tatsächlich im ganzen Land aufmerksam verfolgt. Es gibt ganze Zeitschriften, die sich nur mit High School Baseball beschäftigen, die Spieler sind in ihren Regionen Stars, die besten gehen später direkt in die japanische Profiliga (und das ist, allen Fußballfanatikern zum Trotz, immer noch das Nonplusultra der japanischen Sportligen). Und so stehen eben auch auf Okinawa die Spieler der jeweils auf Präfekturlevel siegreichen Mannschaft im Fokus der Aufmerksamkeit.

5 Grund des Menschenauflaufs.jpg


Und dann verabschieden wir uns von Okinawa, den alten Traditionen, den Gebäuden, den Palmen, dem Meer und dem guten Wetter (seufz). Wir steigen ins Flugzeug und machen uns auf in Richtung japanisches Festland, aber wir werden nächstes Jahr wieder kommen, ich habe noch genug für mindestens drei Jahre (falls ich nicht wegen konsequent unzureichender Kampfauswahl als gyoji aus dem Forum fliege).

5 Und auf und davon.jpg
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 6. Dez 2013 20:20

6. Von Bergholländern und anderen Ausländern

Der moderen Deutsche hat es einfach, nach Japan einzureisen: hinfliegen (oder mit dem Schiff hinfahren), aus dem Flieger (oder Schiff) steigen und 90 Tage-Einreiseerlaubnis in den Pass kleben lassen. Fertig. Und das geht an vielen Häfen und Flughäfen über das ganze Land verteilt (und es werden eher mehr).

Vor 200 Jahren war das schon bedeutend schwieriger, denn Ausländer waren in Japan weitgehend verboten. Eigentlich durften nur Niederländer ins Land, wobei "ins Land" relativ ist. Unter normalen Umständen durften nämlich auch diese Niederländer nur auf einer winzigen künstlichen Insel in der Bucht von Nagasaki wohnen, auf Dejima (ja, schreibt sich wie der ehemalige Ozeki).
Heute ist Dejima schon lange keine Insel mehr, die Stadt hat sie langsam umschlossen. Und so liegt das Dejima-Museum mitten in Nagasaki und kann bequem mit der Straßenbahn erreicht werden. Und heute können alle Touristen, unabhängig von der Staatsangehörigkeit, durch die wenig japanisch anmutende Hauptstraße bummeln.

6 Ausländerviertel - Hauptstraße.jpg


Niederländer galten als unverdächtlich, was christliche Missionstätigkeit angeht, eine Nebenbeschäftigung, die Spanier und Portugiesen die Aufenthaltserlaubnis gekostet hat. Trotzdem durften die Niederländern selbst auf Dejima eine kleine Kirche haben und Gottesdienste feiern. Dafür wurden aber die Japaner, die auf die Insel durften, streng kontrolliert, um auf Nummer Sicher zu gehen.

6 Ausländerviertel - komplett mit Kirche.jpg


Von Deutschen war eigentlich nie die Rede. Es gab aber ein paar Deutsche, die es trotzdem geschafft haben, nämlich als Angestellte in Diensten der Niederländer. Die Japaner konnten offenbar nicht zwischen den unterschiedlichen Mitteleuropäern unterscheiden und so konnten sich ein paar deutsche Ärzte über die Jahrzehnte und Jahrhunderte einschleichen. Einer von ihnen war der Arzt und Naturforscher Philipp Franz von Siebold aus Würzburg. Als dieser auf seinen merkwürdigen Akzent, den er im NIederländischen hatte (der gute Mann kam schließlich aus Bayern), angesprochen wurde, antwortete er, es sei eben Bergholländer (und meinte damit keine Windmühle). Von mitteleuropäischer Geographie verstanden die Japaner damals offenbar glücklicherweise auch nichts.

Aber damit die Niederländer (oder diejenigen, die sich dafür ausgaben) bei all dem nicht vergaßen, wo sie waren, gab es auf der Insel einen kleinen Garten mit japanischen Pflanzen. Damit könnte der Naturforscher Siebold seine Aufzeichnungen über die japanische Tier- und Pflanzenwelt begonnen haben, für die er berühmt wurde.

6 Ausländerviertel - Japanischer Garten.jpg


Später durfte Siebold zum Shogun nach Edo reisen und nutzte diese Reisen, um weitere Aufzeichnungen zu machen. Leider sammelte er aber nicht nur Flora und Fauna, sondern auch Landkarten, was Ausländern streng verboten war, und so wurde er schließlich 1829 auf Lebenszeit aus Japan verbannt, was ihn nicht daran hinderte nach Öffnung des Landes 1859 wiederzukommen. Zäh, diese Bergholländer.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 7. Dez 2013 21:03

7. Auf dem Rücken der Schildkröte

Wir bleiben noch einen Tag in Nagasaki und machen mal wieder was richtig Japanisches und besuchen einen Tempel. Und der Tempel des Tages ist der Fukusai-ji. Dieser wurde ursprünglich 1628 erbaut (allerdings noch in anderer Form) und stand dann auf den Hängen von Nagasaki bis 1945. Dann hatte Nagasaki echtes Pech und wurde durch die Atombombe zerstört, die eigentlich für Kokura (oder sogar Niigata) bestimmt war. Und dann erwischte man wegen der vielen Wolken auch nicht die Schiffswerften, die das eigentlich Ziel sein sollten, sondern einen Teil der Innenstadt. Dabei wurde auch der Fukusai-ji durch das Feuer der Bombe zerstört und blieb erst einmal in Schutt und Asche liegen.

Erst 1979 wurde der Tempel wieder neu aufgebaut. Am Eingang hängt jetzt ein große Glocke, die jeden Tag um 11.02 Uhr geschlagen wird, weil das die Zeit ist, zu der die Atombombe über der Stadt explodierte.

7 Fukusaiji Eingang.jpg


Das ist aber nicht das ungewöhnlichste am Fukusai-ji. Es gibt viele Tempel mit Glocken (wobei der Elefant schon irgendwie selten ist). Und auch das Tempelhaus, wo normalerweise der Priester lebt, ist nicht unbedingt ungewöhnlich. Aber es sieht zumindest sehr japanisch aus und hat eine schöne Palme, die uns zeigt, wie weit wir im Süden sind.

7 Fukusaiji Tempelhaus.jpg


Was den Fukusai-ji besonders macht ist zum einen das riesige Foucaultsches Pendel, das im Inneren hängt (aber leider eine Auszeit nahm, als wir da waren) und zum anderen das Tempelgebäude selbst. Aber seht selbst:

7 Fukusaiji die Schildkröte.jpg
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 8. Dez 2013 20:24

8. Beppu - Hauptstadt der Onsen

Wir bleiben auf Kyushu, reisen aber vom Westen in den Osten nach Beppu, eine sehr beliebte Touristenstadt, insbesondere bei Japanern. Dabei hat Beppu weder tolle Tempel wie in Kyoto noch einen großen Buddha wie in Nara oder auch nur viele Museen wie in Tokyo. Nein, Beppu hat nur Heiße Quellen, die sogenannen onsen, dafür aber unendlich viele onsen.

Der Legende nach grub ein Gott eine lange Leitung zur Dogo Onsen in Matsuyama, um einem Kollegen die Genesung von einer Krankheit zu ermöglichen. Historisch überliefert ist zumindest, dass im 13. Jahrhundert Krieger, die im Kampf gegen die Mongolen (mehr dazu in einem späteren Posting) verwundet wurden, hier ihre Verletzungen kurrierten. Richtig Fortschritt als Kurort machte Beppu aber erst in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert, als mit neuen Bohrungen immer mehr onsen erschlossen wurden und parallel dazu der Ort für den (Massen)Tourismus ausgebaut wurde.

Heute gibt es Heiße Quellen an allen Ecken und Enden und wenn man über die Stadt blickt, sieht man überall die Dampfschwaden hängen, die aus den onsen austreten.

8 All überall Onsen.jpg


An manchen Ecken sieht man die Stadt vor lauter Dampfwolken nicht.

8 Durch den Dampf.jpg


Und daher hat natürlich jedes noch so kleine oder billige Hotel oder Hostel in Beppu sein eigenes onsen-Bad. In der Regel sind das nach Geschlechtern getrennte Bäder, die allen Gästen des Hotels offen stehen. Bei kleineren zum Teil ein Bad, das Frauen und Männer zeitlich getrennt nutzen können. Bei größeren gibt es auch Familienbäder, die man für eine bestimmte Zeit mieten kann, um unter sich zu sein. Und wenn man genug Geld investiert (oder ziemlich viel Glück bei der Buchung hat), hat man sogar sein eigenes Bad mit onsen-Zugang im eigenen Zimmer, um nach Herzenslust baden (und fotografieren) zu können.

8 Mein kleines Onsen.jpg
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Watashi » 9. Dez 2013 21:35

9. Genko - Mongolen vor den Toren

Gestern hatten wir ja schon einen, kurzen Hinweis darauf, worum es heute gehen soll: Um die Mongolen in Japan oder besser den Versuch einer (oder genauer: zweier) Mongoleninvasionen, die 元寇 genkô.

GEN - sind die Mongolen
- ist die Invasion (oder der Feind, der Hass oder der Niedergang), der Begriff spricht also für sich selbst.

Nachdem Kublai Khan, der Enkel von Dschigis Khan, schon das chinesische Reich erobert hatte, dachte er sich, Japan würde sich auch ganz gut in seinem Portfolio machen, und baute eine Invasionsflotte. Nun sind Mongolen als Reitervolk nicht unbedingt hochseetüchtig und so mussten die eroberten Chinesen und Koreaner ihnen 1274 erst einmal die Schiffe bauen und dann auch noch einen Großteil der Truppen stellen. Aufgrund des Zeitdrucks und vielleicht auch der fehlenden Motivation waren die Schiffe allerdings qualitätiv minderwertig, ein Problem, das sich später noch rächen sollte.
Die mongolische Flotte fuhr also los und erreichte Japan auch recht zügig. Die Mongolen gingen in der Bucht von Hakata (dem heutigen Fukuoka) an Land und waren den Japanern nicht nur zahlenmäßig, sondern vor allem auch strategisch und taktisch deutlich überlegen. So kämpften die Mongolen in Schlachtordnung und auf Pferden, während die Japaner noch auf ehrenhaften Mann gegen Mann-Kampf eingestellt waren. Jedoch hatten die Mongolen Probleme mit dem Nachschub, weswegen sie sich nach ersten Gewinnen wieder zurückzogen und schließlich zog auch noch ein fieser Taifun auf, der einen nicht unerheblichen Teil der mongolischen Leichtbauflotte vernichete. Daraufhin zogen die Mongolen sich erst einmal wieder aufs Festland zurück.

Die Japaner aber trauten dem Frieden nicht und begannen, sich auf eine neuerliche Invasionen einzustellen. Dazu bauten sie einen 20 km langen Schutzwall entlang der Bucht von Hakata, updateten ihre strategischen Fähigkeiten und zogen Truppen zusammen.
Der Schutzwall, der 元寇防塁 genkô bôrui, ist heute nur noch an wenigen Ecken erhalten geblieben. MIt 2 m Höhe war er nicht unbedingt riesig hoch, erschwerte es aber den Mongolen, ins Landesinnere vorzudringen.

9 Genkoborui von vorne.jpg


Auf der Innenseite war der Wall nicht so hoch, sondern war so gebaut, dass die Verteidiger sich dahinter aufbauen konnten und bot so den Japanern eine erhöhte Position, um sich gegen die anrückenden Mongolen zur Wehr zu setzen.

9 Genkoborui von hinten.jpg


Und die Mongolen taten den Japanern den "Gefallen" und kamen 1281 wieder, so dass sich die ganzen Vorbereitungen auch gelohnt hatten. Die Mongolen lndeten also erneut, diesmal sogar mit zwei Invasionsflotten aus China und Korea. Die Japaner schafften es jedoch, so lange die Stellung zu halten, bis ein Taifun über die Gegend zog und einen nicht unerheblichen Teil der mongolischen Invasionstruppe zerstörte. Der Rest zog sich am Ende wieder aus Japan zurück und hinterließ nur ein paar alte Helme und Rüstungen.

9 Genko Helme von vorne.jpg


Und die Japaner? Die hatten gewonnen und... waren aufgrund der hohen Verteidigungsausgaben pleite. Dumm gelaufen, bei so einer Verteidigungsschlacht gibt es schließlich kein Land zu gewinnen, das man später an die siegreichen Krieger hätte verteilen können.
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Jakusotsu » 10. Dez 2013 08:39

Fazit: Ohne den Klimawandel im 13ten Jahrhundert wäre Japan heute mongolisch. Immerhin glückt dem Reitervolk nun die nachträgliche Invasion im Sumo. 8)
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon gernobono » 10. Dez 2013 09:46

Jakusotsu hat geschrieben:Fazit: Ohne den Klimawandel im 13ten Jahrhundert wäre Japan heute mongolisch. Immerhin glückt dem Reitervolk nun die nachträgliche Invasion im Sumo. 8)


und die japaner hätten 2 yokozuna im mongolischen ringen ;-)
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Re: Und wieder ein Adventskalender - 2013

Beitragvon Ganryu » 10. Dez 2013 17:15

gernobono hat geschrieben:und die japaner hätten 2 yokozuna im mongolischen ringen


Ähm . . . wen denn? 8)

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