Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Japan, Japaner und deren Sprache

Moderator: Watashi

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Watashi
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Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

Liebe Forumsgemeinde,

ich lasse hiermit eine gute (und eine weniger gute) Tradition des Sumoforum wieder aufleben: den Adventskalender (hoffentlich gut) und die Tatsache, dass ich damit viel zu spät bin (weniger gut). Ich hoffe, ihr könnt mir meine Verfehlung vergeben, ich bin im Moment beruflich sehr eingespannt und habe meinen eigenen Tee-Adventskalender auch heute zum ersten Mal benutzt.
Die Frage ist also: Wollt ihr diesen Adventskalender als den eurigen annehmen, ihn lesen und betrachten, die frühen wie die verspäteten Postings, die touristischen wie die skurilen bis dass Weihnachten ihn beendet? Dann lest einfach weiter.

PS: Und hier ist jetzt die Karte, für diejenigen, die mitreisen wollen.

Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

1. Ryûkyûmura

Da ich heute vier Tage aufholen muss, werde ich euch ein Highlight in vier Postings vorstellen, die man entspannt hintereinander weg lesen kann. Ab morgen gibt es dann wieder die bekannte Themenvielfalt.

Heute jedoch sehen wir uns ein Freilichtmuseum auf Okinawa an: Ryûkyûmura. Der Name ist hier Programm:

Ryûkyû ist der alte Name von Okinawa
mura bedeutet "Dorf". Wir sehen uns heute also ein Dorf im Stile des alten Okinawa an.

Am Eingang steht man erst einmal vor einem großen Tor, oder eigentlich kein Tor, weil man nicht hindurchgehen kann.
1a_Eingang.jpg
In dem Kein-Tor sieht man ein riesiges Tau, dessen Sinn sich einem vielleicht nicht direkt erschließt (mir jedenfalls nicht). Geht man näher, sieht man eine Erläuterung: Mit diesem Tau wurde ein Weltrekord im Tauziehen aufgestellt, bestätigt vom Guiness Buch der Rekorde.
1b_Weltrekord.jpg
Jedes Jahr findet dieses Tauziehen während des Naha Festivals im Oktober in der Hauptstadt der Präfektur statt. Dazu kommen bis zu 275.000 Besucher nach Naha. Die Tradition lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Das Hauptseil ist dabei mit 1,5m Durchmesser natürlich nicht zu greifen, sondern es hat zu den Seiten kleinere Taue, an denen die Teilnehmer ziehen. Das Ziel des Wettbewerbs ist es, die andere Seite 15 m weit zu ziehen, klappt das nicht, wird nach 30 MInuten die Seite zum Sieger erklärt, die weiter gekommen ist. Danach wird das Tau üblicherweise in Stücke geschnitten und als Glücksbringer mit nach Hause genommen. Oder am Eingang von Ryûkyûmura ausgestellt.

Neben dem Riesentau stehen hier auch noch zwei Riesen-Shisa, die Löwen-Hunde-Fabelwesen, die auf Okinawa traditionell über die Häuser (und Freilichtmuseen) wachen.
1c_großer Shisa.jpg
Und dann können wir wirklich eintreten.
1d_und jetzt rein.jpg
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

2. Freiluftmuseum mit Vorführungscharakter

Wie in vielen Freilichtmuseen gibt es in Ryûkyûmura nicht nur viele Häuser zum Ansehen, sondern auch Sachen, wie man sie früher in diesen Häusern gefunden hat. Das betrifft zum einen die Einrichtung der Wohneinheiten und zum anderen auch die Tätigkeiten, die die Bewohner so ausübten. So kann man Webstühle sehen, mit denen früher die Stoffe gewebt wurden.
2a_Webstühle.jpg
Das ist schon interessant, für viele handwerkliche Tätigkeiten gibt es aber auch Vorführungen, damit man einen Eindruck erhält, wie das Leben früher aussah. Zum Beispiel wird dort auf traditionelle Weise Feuer gemacht...
2b_Feuer machen.jpg
...und gekocht oder eher fritiert. Das sind sogenannte sata andagi (oder genauer: サーターアンダーギー Saataa andaagii), das ist okinawanisch für Zucker (saataa), in Öl (anda) fritiert (agii). Die Teigbälle bestehen im Prinzip aus Zucker, Mehl und Ei und sollen außen knusprig und innen leicht und locker sein.
2c_Kochen.jpg
... und gesungen (ein bisschen Spaß muss ja schließlich auch sein).
2d_Sänger.jpg
Und für den hochmotivierten Touristen gibt es auch Kurse, in denen man sich selbst an ein bisschen Volkskunst versuchen kann. So habe ich versucht, ein Paar shisa (nicht so groß wie am Eingang) zu bemalen, was mir allerdings nur so mittelprächtig gelungen ist (weshalb ich davon auch kein Foto habe).
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

3. Und außerhalb des Hauses

Und was haben die Einwohner von Ryûkyû früher so außerhalb ihrer Häuser getrieben? Landwirtschaft, Wirtschaft, Religion und Feste (vermutlich tatsächlich in diese Reihenfolge).

Auf Okinawa wird seit dem 17. Jahrhundert Zuckerrohr angebaut, da die Inseln so weit südlich liegen, dass sich der Anbau hier auch lohnt. Das Zuckerrohr wurde früher mit Hilfe einer Presse, die von einem Ochsen angetrieben wurde, gepresst, um an den enthaltenen Saft zu kommen.
3a_Zuckerrohr.jpg
Daneben wurden in der Wirtschaft auf den Ryûkyû-Inseln auch beispielsweise Wassermühlen eingesetzt, um frühe Maschinen zu betreiben.
3b_Mühlrad.jpg
Doch da Arbeit bekannt nur das halbe Leben ist, wurde gebetet und gearbeitet. Heute findet man in Ryûkyûmura einen kleinen Schrein mit der obligatorischen Schreinlotterie. Nein, da gibt es nichts zu gewinnen, die kleinen Zettel sagen dem Käufer die Zukunft voraus. Gefällt einem die vorhergesagte Zukunft, nimmt man den Zettel mit nach Hause, gefällt sie hingegen nicht, kann man den Zettel vor Ort an einen Baum oder eine Gerüst anbinden, um das Unglück hinter sich zu lassen. Die Zettel werden dann vom Schrein verbrannt (das gleiche gibt es auch bei buddhistischen Tempeln).
3c_Omikuji.jpg
Und wenn dann immer noch Zeit übrig war, wurde natürlich auch gefeiert. Und das nicht nur mit Riesentauziehen, sondern auch einige Nummern kleiner, zum Beispiel mit Shisa-Kostümen.
3d_Festival.jpg
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

4. Flora und - nein, nur Flora

Da Okinawa im Gegensatz zu den restlichen japanischen Inseln in den Subtropen liegt, ist hier auch die Flora eine andere. Dasselbe gilt auch für die Fauna, von der habe ich hier aber keine Fotos.

Wenn man im Süden von Kyûshû oder Shikoku ist, sieht man schon hin und wieder Palmen. Auf Okinawa sind diese aber noch sehr viel häufiger und so auch in Ryûkyûmura anzutreffen.
4a_Palmen.jpg
Daneben gibt es Wälder, die den unbedarften Mitteleuropäer schon ein bisschen an Urwald erinnern mit dichten Bäumen und großen Farnen...
4b_Farne.jpg
... sowie deren Wurzelwerk, das in Ryûkyûmura dekorativ zu sehen ist.
4c_Wurzelwerk.jpg
Und dazu gehören natürlich auch bunte Blüten (zu denen ich in den kommenden Jahren bestimmt noch mehr berichten werden).
4d_Blüte.jpg
OK, das hier ist natürlich kein Urwald, sondern für das Museum so angelegt, gibt aber einen schönen Eindruck der heimischen Vegetation, die man sonst als Tourist nicht so mitbekommt. Es sei denn, man fährt auf eine der vorgelagerten Inseln (wo ich noch nicht war).

Disclaimer: Ich habe keine Ahnung von Pflanzen, alle Angaben sind daher ohne Gewähr.
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tainosen
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von tainosen »

Ich kam mir gerade vor, wie das ungezogene Kind, dass mehr als nur ein Türchen am Kalender öffnet, weil es seine Neugier und seinen Appetit nicht zügeln kann. Ein schönes Gefühl :lol: :lol: . Danke Anke
Wo Elefanten sich bekämpfen, hat das Gras den Schaden.

Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

5. Zakimi-jo

Nachdem mich ja nun ein Teil meines treuen Publikums gefunden hat, kann ich ja frohen Mutes weitermachen.

Und wir bleiben noch einen Tag in der Gegend. Denn in einer Entfernung von Ryûkyûmura, die mit dem Bus gut zu erreichen ist, befindet sich ein weiteres Teil des Weltkulturerbes auf Okinawa. Wir hatten schon diverse Burg/-ruinen und legen heute eine weitere drauf, Burgruine, nicht komplette Burg.

Zakimi-jo wurde im 15. Jahrhundert von einem berühmten Ryûkyû-Feldherren namens Gosmaru erbaut. Gosamaru hatte maßgeblichen Einfluss auf die Vereinigung der drei Königreiche, die bis dahin auf der Insel bestanden. Diese hießen der Einfachheit halber Hokuzan (北山; nördlicher Berg), Chūzan (中山; mittlerer Berg) und Nanzan (南山; südlicher Berg) und es verwundert wenig, dass die gesamte Periode als Sanzan jidai (三山時代; Periode der drei Berge) bezeichnet wird.
Gosamaru kam aus dem mittleren Königreich und unterstützte seinen König bei der Eroberung der anderen beiden Königreiche. Zum Dank bekam er erst den Nordteil zur Verwaltung, ging dann nach Zakimi und baute diese Burg und schließlich nach Nakagusuku und baute die dortige Burg. Also ein sehr umtriebiges Kerlchen.

Aber zurück zu Zakimi-jo: Die Burg ist heute nur noch in ihren Grundmauern erhalten und selbst die sind schon teilweise rekonstruiert (nach dem 2. Weltkrieg war hier ein amerikanisches Radar untergebracht, für das ein Teil der Mauern eingerissen werden mussten). Das, was man noch sehen kann, ist aber schon sehr beeindruckend.
5a_Eingang zu Zakimijo.jpg
Der Eingang ist besonders bemerkenswert, weil es der älteste Torbogen mit einem Schlussstein auf Okinawa ist, der so bei den anderen Burgen nicht vorkommt.

Innerhalb der Burgruine darf man auf die unglaublich dicken Mauern steigen und in den Innenhof hinabsehen. Hier kann man das Fundament des alten Wohnhauses sehen und erkennen, wie groß die Burg damals schon war. Auch kann man feststellen, dass die Mauern nicht gerade, sondern geschwungen gebaut wurden, um Feinde fernzuhalten.
5b_Ausblick in Zakimijo.jpg
Und man kann über das Land bis zum Meer sehen, das auch von hier blau leuchtet und einem wieder ins Gedächtnis ruft, dass wir auf einer subtropischen Insel sind.
5c_Ausblick von Zakimijo.jpg
Von ganz oben kann man die Burg zwar direkt nicht sehen, aber natürlich gibt es zumindest das passende Foto, um einen Überblick über Größe und Form der Burg zu erhalten. Und die unterscheiden sich dann doch sehr von traditionellen japanischen Burgen und zeigt die eigentümliche Kultur auf Okinawa.
5d_Ausblick auf Zakimijo.jpg
Und nun können wir einen weitern Punkt auf unserer Liste des Weltkulturerbes auf Okinawa abhaken. Den Rest heben ich mir (soweit ich ihn schon gesehen habe) für nächstes Jahr auf.
5e_WCH Übersicht.jpg
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gernobono
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von gernobono »

"Die spinnen die Okinesen"

Vielen Dank für diesen Adventkalender. Es ist schön, dass du neben den Standardzielen für Touristen auch solche Exoten parat hast. :applaus

Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

6. Zum Wasser, zur Sonne

Wir verlassen Okinawa nach fünf Tagen (OK, zwei Tagen) und lassen auch die Historie erst einmal hinter uns, um einfach mal ein bisschen durch die Gegend zu laufen. Stellt euch vor, es ist brütend heiß und schwül (schwer zu machen bei den Minusgraden draußen, aber spielt einfach mal mit). Was macht der Mensch dann gerne? Natürlich es zieht ihn zum Wasser.
6a_ans Wasser.jpg
Und dieses Wasser ist in diesem Fall die Inlandsee, die wir von Takamatsu auf Shikoku aus sehen. Da müssen wir gar nicht weit fahren, einfach auf Mohle hinauslaufen und das Wasser genießen. Und wenn man genug davon hat, in der Sonne zu stehen, kann man einfach zur Stadt zurückkehren und die Vorzüge des modernen Japan genießen.
6b_in die Stadt.jpg
Bevor wir zurückgehen, drehen wir uns aber noch einmal um und sehen uns den Leuchtturm an der Spitze an, der mal so gar nicht historisch aussieht. Aber das muss es ja auch einmal geben.
6c_zum Leuchtturm.jpg
Und dann gehen (oder kriechen) wir durch die Sonne zurück und freuen uns, dass wir nicht nur über einen nackten Weg gehen müssen, sondern dass die Stadtplaner auch an ein bisschen Grün am Rande gedacht haben. Das macht es nicht weniger heiß, aber deutlich netter (und so japanisch).
6d_und ins Grüne.jpg
Das einzige, was die Jungs hier auch nicht hinbekommen, ist ordentliches Englisch.
6e_nur nicht zum Englischen.jpg
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Hana-ichi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Hana-ichi »

Uiuiuiuiui, was muss ich dieses Jahr brav gewesen sein, dass mich der liebe Anke-Nikolaus wieder beschenkt.

:riesenfreu

Silke
"Auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot!" (Manfred Lütz, CreditSuisse im Focus)

Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

7. Eine Burg, keine Burg, ein bisschen Burg - auf jeden Fall gleich um die Ecke rum

Da ich heute erst spät nach Hause gekommen bin, mache ich es mir einfach und bleibe in der Gegend. Gleich um die Ecke von der Hafenpromenade in Takamatsu findet sich der Tamamo Park und da gehen wir jetzt rein:
7a_am Eingang.jpg
Der Park an sich ist schon interessant: Es ist so eine Art trockener Wassergarten. Das heißt, dass dort Brücken und Flussbetten gestaltet sind, statt Wasser werden die Flüsse jedoch durch Kiesel symbolisiert. Man wandert also durch Flusslandschaften und über Brücken, ohne wirklich auf Wasser zu stoßen.
7b_trochener Steinfluss.jpg
Doch halt, am Ende stößt man doch auf Wasser, einen richtigen Wassergraben. Tamamo Park ist nämlich dort, wo früher die alte Burg von Takamatsu, Takamatsu-jo oder auch Tamamo-jo, stand. Takamatsu-jo ist das erste und größte Beispiel für eine sogenannte umi-jiro, eine Meeresburg, bei der ein Wassergraben (oder auch mehrere) die Burg umschließt, der aus Meerwasser gespeist wird. Als ich da war, sah das Gebäude innerhalb des inneren Wassergrabens allerdings eher wie eine Burg aus, die man zu heiß gewaschen hat.
7c_heute Schrein.jpg
Der große Burgturm existiert nämlich nicht mehr. Stattdessen gab es einen deutlich kleineren Schrein, der auf dem alten Burggelände stand. Es gibt aber Bemühungen, den alten Turm wiederaufzubauen und so musste der kleine Schrein inzwischen weichen.

Es gibt allerdings grundsätzlich noch einen erhaltenen Turm im nördlichen Bereich, den sogenannten 月見櫓 tsukimi-yagura (etwa: Turm zur Betrachtung des Mondes) oder, weniger poetisch, 着見櫓 auch tsukimi-yagura (etwa: Turm zur Betrachtung der Ankommenden). Dieser liegt dem Hafen zugewandt, so dass man nicht nur den Mond, sondern auch ankommende Schiffe von dort gut sehen konnte.
7d_früher Burg.jpg
Und heute kann man den alten Turm gut sehen, um einen kleinen Eindruck von der großen Burg zu bekommen.
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Tsubame
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Tsubame »

Auch ein verspäteter Adventskalender ist was feines! :applaus
:riesenfreu

Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

8. Ein Briefkasten ist ein Briefkasten

Heute gibt es mal etwas zum japanischen Leben, nämlich eine kurze Abhandlung über Briefkästen, japanisch ポスト pusuto. OK, vielleicht nicht das spannendste Thema, aber mal sehen, was ich da so raus holen kann.

Briefkästen sind in Japan nicht gelb, sondern rot. Wer also eine Postkarte abschicken möchte, sollte nach einem roten Kasten suchen, der verschieden Formen annehmen kann. Rot sind die normalen Kästen aber so gut wie alle.
8a_ein Briefkasten.jpg
Die größeren Briefkästen haben zwei Schlitze: Einen für normale Briefe und Postkarten (national) und einen für alles andere, also etwa Expresspost oder Briefe und Postkarten (international). Eine Postkarten nach Europa müsste also normalerweise in den rechten Schlitz.

In der Zeit vor Neujahr aber ändert sich diese Bild, die beiden Schlitze bekommen neue Aufgaben: der eine ist nun ausschließlich für Neujahrspost zuständig, der andere für alles andere, also auch normale Briefe und Postkarten (national), die keine Neujahrspost sind. Die Briefe und Postkarten nach Europa kommen also immer noch in den rechten Schlitz. Die nach Japan aber auch.
8b_ein jahreszeitlicher Briefkasten.jpg
Der Hintergrund ist, dass Neujahr in Japan der wichtigste Feiertag des Jahres ist, zu dem man sämtlichen Bekannten, Verwandten, Geschäftspartnern, Freunden und jedem, der einem sonst noch so einfällt, eine Neujahrspostkarte schickt. Diese 年賀状 nengajō kann man natürlich vor Neujahr an jeder Ecke kaufen, mit den entsprechenden Sprüchen und dem buddhistischen Tierkreiszeichen des folgenden Jahres etc. Eine Besonderheit haben die Karten, die die japanische Post verkauft: sie haben einen Gewinncode und im Januar findet dann die Neujahrskarten-Lotterie statt und mit etwas Glück wird die Nummer einer der Karten, die man bekommen hat, gezogen und man kann sich gleich noch über einen kleinen Neujahrsbonus freuen.
Und weil die Japaner so gerne Neujahrskarten verschicken, gibt es eben in der Zeit vor dem Jahreswechsel Briefkästen, die nur für Neujahrspost vorgesehen sind, so, wie es bei uns in Himmelsthür ein Weihnachtspostamt gibt. Und alles, was als "Neujahrspost" deklariert wird, wird dann auch pünktlich am 1.1. ausgeliefert. Dafür stellt die japanische Post jedes Jahr ganze Heerschaaren an Studenten als Aushilfskräfte ein, damit die gesamte Post sortiert und pünktlich zugestellt werden kann.

Briefkästen haben aber nicht nur kurz vor Jahresende so ihre Eigenheiten. Sie eigenen sich auch zum Unterstreichen lokaler Traditionen oder Sagen. Natürlich gibt es Briefkästen, die in historischen Bezirken stehen und ein historisches Aussehen haben (dann sind sie auch nicht zwangsläufig rot), es gibt aber auch moderne Varianten.

So gibt es in Okayama den Momotarô-Briefkasten, auf dem die Figur des Momotarô liegt, der laut japanischem Volksglauben aus einem Pfirsichkern (momo bedeutet Pfirsich) geboren wurde und einen menschenfressenden Dämonen besiegte.
8c_ein besonderer Briefkasten.jpg
Normalerweise wird Momotarô mit einem dango, einer japanischen Süßigkeit dargestellt, aber beim Briefkasten machen sie eine Ausnahme. Hier hat er einen Pinsel, vermutlich um einen Brief zu schreiben.
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Schnappamawashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Schnappamawashi »

ich bin froh, so viel von Japan zu sehen,
denn ich war da noch nie und werde wohl in diesem Leben
auch nicht mehr hinkommen.
Deshalb bin ich begeistert vom Adventskalender

Gruß
Schnappamawashi
Probleme sind Geschenke in Arbeitskleidung - Johannes Warth

Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

9. Ein Bild von einer Brücke (oder mehrere Bilder)

Mit etwa 3.5 % ist der Ausländeranteil in Iwakuni für eine Stadt mit unter 150.000 Einwohnern für japanische Verhältnisse wirklich hoch. Das liegt aber nicht an den Sehenswürdigkeiten, sondern an der Marine Corps Air Station Iwakuni. Deretwegen sind wir aber nicht hier.

Der zweite Grund für einen Ausländern nach Iwakuni zu fahren, ist eine bekannte Holzbrücke, die 錦帯橋 Kintai-kyō. Diese Brücke hat fünf große Holzbögen, über die man den Nishiki-gawa überschreiten kann.
9a_Kintaikyo.jpg
Die Brücke wurde ursprünglich 1673 gebaut und im folgenden Jahr von einer Flut zerstört, wieder aufgebaut und anschließend alle 20 Jahre (die inneren drei Bögen) respektive 40 Jahre (die äußeren beiden Bögen) erneuert und überlebte so die nächsten 276 Jahre. Für die regelmäßigen Neubauten wurde extra eine Sondersteuer erhoben. Nun bringen uns 276 leider nur bis ins Jahr 1950, in dem die Brücke einem Taifun zum Opfer fiel, nachdem die Japaner sie während des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gewartet hatten und das US Militär Steine zum Bau der Landebahn ihrer Air Station aus dem Flussbett genommen hatten, was die Strömung veränderte. Doch die Japaner gaben nicht auf und bauten die Brücke 1953 wieder auf, dieses Mal mit Stahlnägeln, um sie haltbarer zu machen. Und dieses Mal musste sie erst 50 Jahre später wieder erneuert werden und so steht sie heute noch da und wir können hinüber gehen.
9b_über die Kintaikyo.jpg
Die Brücke ist aber nicht nur heute ein beliebtes Motiv. Was heute von Touristen fotografiert wird, war früher Inspiration für japanische Künstler. Und so kann man die traditionelle Kintaikyo mit der aktuellen vergleichen.
9c_ein Bild von einer Brücke.jpg
Sieht ziemlich ähnlich aus, denke ich. Und gibt auch von oben eine schönes Bild ab.
9d_Kintaikyo von oben.jpg
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

10. Eine Burg muss her

Wir bleiben einen weiteren Tag in Iwakuni und blicken den Berg hinaus. Denn hier thront die Burg von Iwakuni, Iwakuni-jo, über der Stadt, zu der die Kintaikyô führt. Das macht sich natürlich sehr gut für die Fotos der Touristen, die über die Kintaikyô kommen.
10a_Burg über Stadt.jpg
Der Burgturm hat allerdings eine übersichtliche Geschichte. Die Kikkawa, die die Burg von Iwakuni bauten, hatten bei der großen Entscheidungsschlacht 1600 bei Sekigahara auf der falschen Seite gestanden und mussten nach Iwakuni umziehen. Hier bauten sie von 1601 bis 1608 eine neue Burg, mit dem Hauptturm auf dem Berg und den Wohngebäuden im Tal. Um diese gut erreichen zu können, wurde später die Kintaikyô errichtet.
Leider hatten die Kikkawa die Rechung allerdings ohne die bei Sekigahara siegreichen Tokugawa gemacht, die nach ihrem endgültigen Sieg in der Schlacht von Ôsaka 1615 eine neue Direktive verabschiedeten: 一国一城, Ikkoku ichijō, zu deutsche: eine Burg pro Provinz. Und da hat Iwakuni-jo verloren, obwohl es die einzige Burg der Provinz der Kikkawa war, weil der Chef der Môri aus der Nachbarprovinz sich weigerte, seine Wohnburg zu zerstören. Iwakuni-jo musste dann nur 7 Jahre nach Fertigstellung stellvertretend dran glauben, weil die Kikkawa Vasallen der Môri waren. 1638 mussten dann auch noch die restlichen Mauerreste entfernt werden, um sicher zu gehen, dass die Ruine potenziellen Aufständischen nicht als Rückzugsort dienen konnte. Daher kann man heute nur den üblichen Stahlbetonnachbau der Burg sehen, der 1962 gebaut wurde. Der ist aber zumindest sehr gutaussehend und folgt alten Plänen.
10b_schöne Burg.jpg
Und außerdem hat man einen schönen Blick von der Burg ins Tal.
10c_mit schönem Ausblick.jpg
Dieser Blick hat nur einen Schönheitsfehler: Er ist nicht authentisch. Die Burg wurde zwar vom Aussehen her nach alten Plänen wieder aufgebaut, aber nicht am Originalplatz, weil man sie dann nicht so majestätisch über der Ebene hätte sehen können. Die Originalburg stand nämlich 30 m weiter weg vom Rand und ist heute nur noch als Steinfundament erhalten.
10d_aber falscher Platzierung.jpg
Aber so wie sie jetzt steht, macht sie sich eben sehr gut für die Fotos der Touristen, die über die Kintaikyô kommen.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

11. Im Reich der Schildkröte

Heute machen wir einen Abstecher nach Sado. Wir erinnern uns: Das ist Japans sechstgrößte Insel, die im Japan-Meer vor der Küste der Präfektur Niigata liegt. Und noch sind dort ein paar Sachen übrig.

Heute fahren wir an der Westküste nach Norden und treffen dort auf einen großen Felsen oder Hügel (Berg wäre bei 176 Metern übertrieben), der von der Küste ins Meer ragt. Dieser Felsen hat eine interessante Form, die ihm seinen Namen gegeben hat: Ônogame, die große Feldschildkröte.
11a_die große Schildkröte.jpg
Und der geneigte Tourist kann der Schildkröte auf den Buckel steigen, der Weg wird nach oben hin allerdings immer steiler und weniger befestigt. Deshalb habe ich irgendwann das Handtuch geworfen und mich anderen Dingen zugewendet.
11b_auf den Rücken der Schildkröte.jpg
So ist Ônogame im Mai/Juni mit vielen kleinen, gelben Blüten bewachsen, die als Tobishima kanzo bekannt sind und sogar essbar sein sollen (habe ich zumindest gelesen). Diese Blüten haben sogar ihr eigenes Festival, das Sado Kanzo Festival am zweiten Sonntag im Juni. Und sie sind es durchaus wert.
11c_Blumen auf Schildkröte.jpg
Auch, wenn man nicht ganz nach oben steigt, hat man von Ônogame einen schönen Blick über die Umgebung, die Straße, von der man gekommen ist und die Bucht links von der Schildkröte.
11d_Schildkröte mit Ausblick.jpg
Und nach rechts sehen (und gehen) wir morgen.
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

12. Rechts der Schildkröte sind zwei...

Wie versprochen drehen wir uns nun um und blicken von der großen Schildkröte nach rechts. Und dort sehen wir zwei weitere Felsen, die vor der Küste im Meer liegen.
12a_zwei Felsen.jpg
Und woran erinnern uns diese zwei Felsen? Natürlich an zwei Schildkröten, die im Meer baden. Und so heißt diese Kombination dann auch: 二ツ亀 Futatsugame - zwei Schildkröten. OK, die Namensgebung könnte kreativer sein, aber so ganz lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen.
12b_gleich zwei Schildkröten.jpg
Futatsugame ist nicht bekannt für seine Blumen, man kann auch nicht so einfach hinaufsteigen und nur bei Ebbe kann man über einen Sandstreifen nach Futatsugame hinüberlaufen. Dafür gibt es gegenüber am Ufer einen Strand, der zu den 100 schönsten Badestränden Japans zählt, und das Wasser ist das klarste in und um Sado.
12c_von oben.jpg
Und ja, es gibt nicht wirklich viele Badestrände in Japan, ein Großteil der Küste ist felsig, steinig oder gleich eine Steilküste. Das gilt auch für einen großen Teil der Küste von Sado, selbst direkt neben Futatsugame ist die Küste von Felsen geprägt und lädt nicht unbedingt zum Baden ein.
12d_und von unten.jpg
Aber will schon baden, wenn er so eine Aussicht genießen kann. Schließlich dienen die diversen Schildkröten nicht nur als Aussichtspunkte, sondern auch als Ansehpunkt - äh, Sehenswürdigkeiten.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

13. Alles muss versteckt sein

Wir fahren weiter und landen in Tsuruoka. Hier waren wir schon einmal kurz in der Yokozuna Kashiwado Memorial Hall, dieses Mal wird es aber wieder sumofern. Mehr als einen legendären Yokozuna hat Tsuruoka dann doch nicht zu bieten.

Aber zumindest kommen wir gerade richtig. Die ganze Stadt ist auf den Beinen und die Leute haben sich herausgeputzt. Das kann nur eines bedeuten: matsuri (ein japanisches Festival), in diesem Fall das Tsuruoka Tenjin Matsuri, das am 25.5. stattfindet.
13a_viel los hier.jpg
Da stellt sich nur die Frage: Warum sind die Leute alle vermummt? Im Mai ist es dann doch nicht so kalt, auch im Nordosten des Landes nicht. Nein, die Vermummung hat mit dem Festival zu tun: Traditionell schenken vermummte Einwohner während des Festivals sake an die Besucher aus (heute gibt es auch Softdrinks). Das Ziel ist es, den Tag durchzustehen, ohne erkannt zu werden. Schafft man das drei Jahre in Folge, bedeutet das Glück zu haben für den Rest des Lebens. Ursprünglich geht das auf eine alte Geschichte zurück: Angeblich vermummten sich die Einwohner von Kyôto, als der Gelehrte und Politiker Sugawara no Michizane ins Exil geschickt wurde, um ihn zu verabschieden, weil sie das offiziell nicht durften. Und wieso in Tsuruoka? Der Schrein, von dem das Festival ausgeht, ist der Tsuruoka Tenmangu und die Tenmangu gehen traditionell auf Sugawara no Michizane zurück.
Manche gehen das Vermummen aber heute weniger traditionell an:
13b_man kann es auch so machen.jpg
Und am Nachmittag des Festivals gibt es einen großen Festumzug, bei dem das Vermummungsgebot aber für die wenigsten Teilnehmer gilt. Einige tragen aber schon traditionelle Masken.
13c_oder so.jpg
Schreinpriester, Mini-Schreinträger, Tänzer, Musiker und Riesen-ema-Schieber hingegen sind nicht vermummt.
13d_nicht immer versteckt.jpg
Und wer will nicht eine riesige bemalte Holztafel durch die Sraßen schieben. Schließlich bringen die 絵馬 ema (zu Deutsch: Pferdebild) auch Glück.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

14. Schreinfest am Schrein

Gestern haben wir einen ersten Eindruck vom Tenjin matsuri in Tsuruoka bekommen. Das ganze hat natürlich einen ausgeprägten Volksfestcharakter, aber wie die meisten matsuri ist es im Grunde ein Schreinfest, das ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist. Und der Schrein im symbolischen Mittelpunkt (geografisch liegt er eher am Rande) ist der Tsuruoka Tenmangu (das wurde gestern auch schon kurz angesprochen). Und anders als es das große Fest vielleicht erwarten lässt, ist der Schrein gar nicht so riesig.
14a_Tsuruoka tenmangu.jpg
Auch die ema, die Bildtafeln, mit denen man sich etwas wünscht, sind hier deutlich kleiner als gestern. Dafür sind sie aber auch zahlreicher.
14b_mit ema.jpg
Doch auch am Tsuruoka Tenmangu gibt es während des Tsuruoka Tenjin Matsuri einiges zu sehen. So führt ein Tänzer in traditioneller Kleidung einen traditionellen Tanz auf. Und natürlich ist er dabei gut maskiert. Diese Tänze sind meistens nicht so mitreißend, aber aufgrund des Ambiente trotzdem sehr beeindruckend.
14c_Tänzer mit Maske.jpg
Nach dem einzelnen Tänzer gibt es dann noch einen weiteren Tanz: den Tanz eines Löwenhundes (japanisch: 狛犬koma-inu), der normalerweise in Stein gemeißelt den Eingang oder das Innere von Schreinen bewacht. Wer genau hinsieht, kann auf dem ersten Foto auf der rechten Seite einen solchen Wächter erkennen.
Dieser "erwacht" zum Schreinfest zum Leben und tanzt vor den Zuschauern.
14d_Löwentanz.jpg
Danach schlüpfen die beiden Darsteller, die in dem Löwenhund gesteckt haben, aus ihrem Kostüm und jetzt können sich die Zuschauer von dem Kopf der Figur "beißen" lassen (das wurde tatsächlich so angesagt). Das heißt, dass man den Kopf in das Maul des Kostüms steckt und der Darsteller das Maul ein wenig schließt.
14e_Löwenbeißen.jpg
Und natürlich habt ihr erraten, warum man so etwas machen sollte: Es bringt Glück. Ich hatte trotzdem keine Lust, dafür eine halbe Stunde anzustehen (Schande auf mein Haupt, oder eher Unglück auf mein Haupt).
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von tsunamiko »

da lasse ich mich lieber von einem dachlöwen in okinawa beissen....

aber wie immer: danke für den adventskalender
...there are so many different ways that lead to the gods
so many ways that lead to enlightment


but only one way that leads to the next gucci boutique...........


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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

15. Winterfest ohne Winter

Nach zwei Tagen Festivaltrubel machen wir heute etwas Ruhiges, Entspanntes, eher Kontemplatives und gehen in einen japanischen Garten. Hier gibt es einen Teich, um den wir bummeln, und sehen uns die sehr japanische Laterne am Ufer an.
15a_ein japanischer Garten.jpg
Natürlich ist unser Garten nicht irgendwo im Nirgendwo, sondern in Tôkyô, also so städtisch wie nur irgend möglich. Wir blenden die Hochhäuser außer herum aber einfach mal aus und konzentrieren uns auf etwas, was in Tôkyô Seltenheitswert hat: Schnee, der hier tatsächlich am Ufer zu finden ist.
15b_Garten im Winter.jpg
OK, für den wintererfahrenen Österreicher oder auch Deutschen ist das maximal eine Schneepfütze, aber selbst die ist für Tôkyô schon eine kleine Sensation, OK, sie ist zumindest selten. Denn zum einen sinken die Temperaturen selten für längere Zeit ins MInus und zum anderen leidet Tôkyô im Winter regelmäßig unter Wassermangel, an ausdauernde Schneefälle ist da nicht zu denken.

Trotzdem muss ein japanischer Garten, der etws auf sich hält, trotzdem auf alle Widrigkeiten vorbereitet sein und so werden die anfälligeren Bäume winterfest gemacht. Über die ausladenden Äste werden Gestelle gestülpt, die vor zu großen Schneelasten schützen sollen.
15c_winterfester Garten.jpg
Aber, wie schon gesagt, das mit den Schneelasten ist in Tôkyô eher selten.

Und jetzt konzentrieren wir uns doch noch auf die Umgebung. Heute gibt es nämlich einen ganz kleinen Blick mit Sumorelevanz, unser Garten liegt nämlich direkt nördlich des Kokugikan, wie der geneigte Fan auf einen Blick erkennt.
15d_Garten in guter Nachbarschaft.jpg
Und falls ihr mal in Tôkyô seid und neben dem Sumô noch ein bisschen Zeit habt, könnte ihr ja mal den Kyû-Yasuda Teien, den alten Garten der Familie Yasuda, besuchen. Es ist kein großer Umweg, es ist kostenlos und es ist ein schöner Anblick. Selbst im Winter.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

16. Grabesstille

Nach einem ruhigen Garten werden wir heute noch stiller und gehen auf einen... Friedhof? In der Präfektur Chiba östlich von Tôkyô gibt es eine große Ansammlung an Grabstätten aus der sogenannten Kofun-Zeit. Ein kofun ist ein japanisches Hügelgrab und in der Ryûkakuji kofun-gun, der kofun-Gruppe von Ryûkakuji, wurden inzwischen 114 solcher Hügelgräber identifiziert. Ob die Bewohner im 6. und 7. Jahrhundert das als Friedhof wahrgenommen haben, weiß ich natürlich nicht, die Gegend hat aber wohl auf jeden Fall den entsprechenden Zweck erfüllt.

Heute sieht man den Hügeln ihre Bedeutung nicht auf den ersten Blick an. Deshalb steht davor auch ein Schild:
"Kofun sind Gräber der Vergangenheit, bitte nicht hinauf steigen."
16a_Hügel die keine sind.jpg
Die kofun gibt es grob in drei Formen: rund, eckig und gemischt; oder auf japanisch: 円墳 enfun (rundes Grab), 方墳 hôfun ("viereckiges Grab) und 前方後円墳 zenpô kôen-fun ("vorne eckig, hinten rundes Grab"). Und weil das nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist, stehen an allen Gräbern Schilder mit der Form des Grabes:
16b_Kofun Reihe.jpg
Und dann weiß man auch, warum des gemischte Grab im Westen als "Schlüssellochgrab" bekannt ist.

Das bekannteste Grab dieser Gruppe ist aber kein Schlüssellochgrab, sondern ein großes, viereckiges Hügelgrab. Das ist schon bemerkenswert, weil von den 114 Gräbern nur 6 eckige Hügelgräber sind. Darunter ist aber eben auch das Iwaya kofun, das größte der Gruppe.
16c_großes kofun.jpg
Dieses wird auch regelmäßig gepflegt und an der Seite kann man durch ein Gitter eine alte Steinkammer sehen.

Und damit man sich heute vorstellen kann, wie die Gräber zu ihrer Blütezeit aussahen, gibt es auch ein nachgebautes Beispielgrab.
16d_Beispiel kofun.jpg
Dieses stellt ein rundes Hügelgrab dar, die häufigste Form in der Ansammlung, und ist komplett mit den kleinen (und großen) Tonfiguren verziert, die früher auf den Gräbern standen. Diese heißen 埴輪 haniwa, zu deutsch "Tonringe", weil sie überwiegend aus aufeinandergesetzten Tonringen gefertigt wurden (es gibt auch welche aus anderen Materialien). Sie wurden nicht als Grabbeigaben verwendet, sondern sollten das Grab gegen den normalen Lebensbereich abgrenzen und die Beigesetzten beschützen.
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

17. Unverhofft kommt oft

Vor sehr langer Zeit, als der Adventskalender noch pünktlich war, waren wir mal in der Stadt Takasaki am Shôrinzan Daruma-ji, dem Tempel der roten Glücksbringer.

Wenn man damit fertig ist, muss aber nicht einfach wieder runtersteigen und zum Bahnhof zurück, nein, hinter dem Tempel geht ein Weg den Berg weiter hinauf und wenn man dem lange genug folgt, soll man an der Byakue Dai-Kannon ankommen, einer riesigen buddhistischen Statue, die ich vom Zug aus schon gesehen hatte. Das sagte zumindest eine Karte, die dort stand und so musste ich natürlich da hin.
17a_hinterm Tempel gehts weiter.jpg
Der Weg war allerdings verbesserungswürdig. Mal steil, mal kaum zu erkennen, mal musste man an einer Straße entlang laufen.
17b_ein neuer Weg.jpg
Eines zumindest hatte der Weg zu bieten: Sehr schöne Ausblicke auf die Berge und Wälder der Umgebung. Kaum zu glauben, dass man noch in Kantô ist, eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Erde und die Präfektur Tôkyô sich gleich um die Ecke befindet.
17c_am Horizont immer weiter.jpg
Der Weg zieht sich aber irgendwann ziemlich und als ich so wanderte an einer Straße ohne Gehweg entlang, hielt ein Handwerker, der zufällig vorbeifuhr, an und hielt mir eine Standpauke, dass es als junge Frau gefährlich wäre, allein durch den Wald zu laufen (ja, man könnte zum Beispiel von völlig Fremden angesprochen werden...). Jedenfalls fragte er, wo ich hinwolle und hat dann darauf bestanden, mich mitzunehmen. Das hat mir eine Menge Zeit erspart (ob es für junge Frauen so ungefährlich ist, sich von völlig Fremden mitnehmen zu lassen, steht auf einem anderen Blatt).

Jedenfalls war ich so schon bald an meinem Ziel:
17d_ ein neuer großer Buddhar.jpg
Die Statue sieht noch relativ jung aus. Ist sie wohl auch, denn sie stammt von 1936 und ein großer Buddha, der nicht mehrere Jahrhunderte alt ist, ist auf jeden Fall ein Jungspund.
17e_in voller Größe.jpg
Dafür ist sie mit 41,8 Metern Höhe definitiv überdurchschnittlich. Wenn man direkt davor steht, sieht sie noch höher aus und man kann sogar hinaufsteigen und von oben hat man eine schöne Aussicht.

Und hier erschließt sich auch der Name der Statue:
白衣 byakue heißt "weißes Gewand"
dai ist "groß" und
観音 Kannon ist eine buddhistische Bodhisattva (oder für manche auch Göttin)
Es ist also die große Kannon im weißen Gewand. Nicht zu übersehen.

Und hinterher? Wurde ich von meinem Fahrer, der allen Ernstes auf mich gewartet hat, zum Bahnhof gebracht, während er mir Tipps zu den Zugverbindungen gab. Der Regionalzug fährt nämlich auch nach Tôkyô und ist viel billiger als der Shinkansen. Da ich mit meinem Rail Pass allerdings beide kostenfrei nutzen konnte, habe ich mich dann doch für letzteren entschieden.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

18. Badkultur in Japan

Heute betrachten wir mal keine klassische Sehenswürdigkeit, sondern wir machen in Kultur. In Badekultur.

Die Japaner sind nämlich schon seit langer Zeit ein sehr reinliches Volk. Ein abendliches heißes Bad gehört einfach zur Kultur. Nun konnte sich aber traditionell nicht jeder ein eigenes Badezimmer leisten, deshalb gab es (und gibt in Teilen bis heute) in vielen Nachbarschaften Gemeinschaftsbäder, wo jeder hingehen und gegen eine geringe Gebühr baden konnte.

Man brauchte also keine eigene Badewanne, sondern konnte ein paar Straßen weiter ein heißes Bad nehmen, in der Regel nach Männern und Frauen getrennt.
18a_öffentliches Bad.jpg
Bevor man aber in die Badewanne oder das heiße Bad steigen darf, muss man sich in Japan immer erst einmal außerhalb des Bades einseifen und abduschen. Dafür gibt es in Gemeinschaftsbädern entweder Handbrausen, Wasserhähne oder Zuber mit heißem Wasser. Nur wenn man vollständig sauber ist, darf man ins Bad steigen.
18b_aber erst abduschen.jpg
Die traditionellen Badehäuser sind dabei alle ähnlich gestaltet, nicht nur von den sanitären Anlagen her, sondern auch vom Design. Über dem Bad prangt standardmäßig ein Bild des Fuji an der Stirnwand. Es gab dafür einen eigenen Beruf: den Fuji-Maler. Dieser ging von Badehaus zu Badehaus und erneuerte die Fuji-Bilder in regelmäßigen Abständen. Mit den öffentlichen Badehäusern ist allerdings auch der Beruf des Fuji-Malers im Aussterben begriffen.

Wer es sich leisten konnte, hatte aber immer sein eigenes Bad. Die Wannen sind dabei traditionell sehr viel kleiner als in Europa, dafür tiefer. Man liegt also nicht in der Wanne, sondern sitzt darin. Ursprünglich waren diese Zuber natürlich aus Holz.
18c_privates Bad.jpg
Mit der Verwestlichung des Lebens kamen auch neue Möglichkeiten der Badgestaltung auf, zum Beispiel gefließte Wannen. Die Badekultur hingegen blieb dieselbe und die Form der Wanne veränderte sich auch nicht radikal.
18d_privates Bad neuer.jpg
Heute gibt es kaum noch Häuser oder Wohnungen ohne eigenes Bad, obwohl zumindest bis Ende der 1990er einige Studenten aus Marburg während ihres Auslandsstudiums in Tôkyô ein Zimmer ohne Bad hatten und ins öffentliche Badehaus gingen. Das war bei mir aber nicht so.

Heute haben auch alle halbwegs ernsthaften Hotelzimmer ein eigenes Badezimmer. Die sind aber in der Regel nicht so schick, sondern Einbaubadezimmer aus Plastik, bei denen die Badewanne gleich mit drin ist. Diese Wanne ist dann oftmals auch noch kleiner.
18e_Hotelbad neuer.jpg
Und weil das dann doch nicht so schön ist, haben viele bessere Hotels nicht nur Einbaubäder, die etwas größer sind als das gezeigte, sondern auch ein Gemeinschaftsbad (oder mehrere), in dem die Gäste ganz traditionell ein heißes Bad nehmen können. Und so schließt sich der Kreis wieder.

PS: Die meisten der gezeigten Wannen stammen aus dem Edo-Tokyo Open-air Architectural Museum, das wir uns in der Zukunft auch irgendwann mal genauer ansehen werden.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

19. Ein sehr berühmter Tempel

Heute machen wir mal wieder etwas wirklich Touristisches. Wir fahren nach Tôkyô zum großen Sensô-ji, einem der bekanntesten Tempel in der Stadt. 浅草寺 Sensô-ji kann man auch Asakusa-dera lesen und damit wissen wir auch, in welchem Stadtteil wir sind: in Asakusa. Das liegt nördlich von Ryôgoku, immer den Sumida-gawa entlang (zu Fuß oder mit dem Wasserbus, vermutlich auch mit dem Auto).

Der Sensô-ji ist nicht nur für seine Tempelhalle bekannt, sondern für eine Reihe von sehenswerten Einzelteilen. Zuerst steht man vor dem äußeren Tor, dem 雷門 Kaminari-mon ("Donnertor").
19a_Kaminari-mon.jpg
Schreitet man durch das Kaminari-mon, landet man in der Nakamise-dôri. Hier ist der Name Programm: 仲見世通り schreibt sich zwar anders, lässt sich aber mit Straße in der Mitte von Läden übersetzen. Und das ist hier wörtlich zu nehmen, denn links und rechts der Nakamise-dôri gibt es so ziemlich alles, was der Japan-Tourist haben möchte. Wer also noch etwas typisch Japanisches für die Daheimgebliebenen möchte (oder sagen wir Forumsbekanntschaften hat, die gerne Fächer oder Becher oder ähnliches haben möchten), ist hier gut aufgehoben, vom Holzschnitt bis zur Godzilla-Spielfigur ist alles drin.
19b_Nakamise-dori.jpg
Nach der Nakamise-dôri kommt ein weiteres großes Tor, das 宝蔵門 Hôzô-mon ("Schatzkammer-Tor"). Desser erste Inkarnation stammte von 942, die heutige Version ist allerdings eine stahlverstärkte Konstruktion von 1964.
19c_Hozomon.jpg
Und wenn wir da durch sind, dann kommen wir zur Haupthalle des Sensô-ji. Hier gibt es rechts und links keine Läden mehr, sondern Tempelgebäude. OK, dort werden Glücksbringer verkauft und Glückslotterie-Lose, aber die verkauft eben der Tempel. Und auch sonst gibt es noch Tempeldienstleistungen wie Einträge ins Pilgerbuch etc. (wobei ich nicht sicher bin, ob die kostenfrei sind).
19d_Senso-ji Haupthalle.jpg
PS: Und obwohl so ziemlich jeder den Sensô-ji Sensô-ji nennt, heißt er eigentlich anders: Kinryūzan (金龍山), zu deutsch: Goldener Drachen-Berg. Das würde doch einen prima shikona abgeben.
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von gernobono »

Watashi hat geschrieben: Kinryūzan (金龍山), zu deutsch: Goldener Drachen-Berg. Das würde doch einen prima shikona abgeben.
guckst du

http://sumodb.sumogames.de/Rikishi.aspx ... =-1&sort=1

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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Jakusotsu »

gernobono hat geschrieben:
Watashi hat geschrieben: Kinryūzan (金龍山), zu deutsch: Goldener Drachen-Berg. Das würde doch einen prima shikona abgeben.
guckst du

http://sumodb.sumogames.de/Rikishi.aspx ... =-1&sort=1
Wobei natürlich nur die beiden jüngsten der drei Treffer gelten. 8)
Wenn man "richtig" sucht findet man sogar noch einen mehr:
http://sumodb.sumogames.de/Rikishi.aspx ... D%E5%B1%B1
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

20. Der Super-Stau...

...oder warum man während der Herbstlaubfärbung am Wochenende nicht zum Chûzenji-ko fahren sollte.

Heute soll es zum Chûzenji-ko, einem See oberhalb von Nikkô, gehen, der für seine Herbstlaubfärbung bekannt ist. Daher bietet sich ein Besuch Anfang November an. Man fährt mit dem Zug bis Nikkô und von dort gibt es einen Linienbusverkehr zum Chûzenji-ko. Das ist eigentlich ganz bequem und im unteren Teil auch sehr entspannend mit tollen Ausblicken auf das bunte Herbstlaub und einige Sehenswürdigkeiten der Stadt Nikkô.
20a_alles OK.jpg
Danach ändert sich das Bild. Die Straße wird sehr kurvig und führt den Berg in Serpentinen hinauf. Diese Straße heißt いろは坂 Iroha-zaka. "zaka" ist ein Anstieg oder Steigung und Iroha ist ein japanisches Gedicht, das jede der 48 Silben, die das Japanische kennt, genau einmal enthält. Deshalb wurde es früher als japanisches Alphabet verwendet. Die Straße heißt so, weil sie 48 Kurven hat, die über 400 Höhenmeter abdecken. Die Ausblicke sind immer noch schön, man sieht Berge und Wälder und ab und zu ein Straßenschild.
20b_schön wäre es.jpg
Nun sind 40 km/h für den Durchschnittsdeutschen keine Geschwindigkeit, sondern eine Frechheit (in Japan sind sie ziemlich normal), unter den gegebenen Umständen würde man aber für diese 40 km/h vielleicht nicht töten, aber sonst so einiges geben. Die Straße ist nämlich ein einziger, langer, sehr langsamer Stau, weil gefühlt halb Kantô heute zum Chûzenji-ko will.
20c_die Realität.jpg
3 Stunden später ist man auf dem Akechidaira Plateau, immer noch etwas unterhalb des Chûzenji-ko, eine Fahrt, die normalerweise etwa 35 Minuten dauert. Hier gibt es zumindest schon einmal eine Toilette. Und wenn man irgendwann aufgibt, auf den nächsten Bus zu warten, kann man zu Fuß Richtung Chûzenji-ko laufen. Dabei geht es durch einen Tunnel hindurch...
20d_auf geht es.jpg
... und wenn man drüben ankommt, trifft man zuerst auf einen Friedhof. Der ist aber auch interessant mit zum Teil moosbewachsenen Gräbern.
20e_so gut wie da.jpg
Und morgen sehen wir uns dann mal schnell den Chûzenji-ko an.
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

21. Ein See, ein See,

ein Königreich für einen See. Nun ja, ganz so verzweifelt muss man dann doch nicht sein, denn wir sind jetzt schon fast am Ufer des Chûzenji-ko. Außerdem ist der Weg auch schon ein Ziel, mit schön gefärbten Bäumen am Wegesrand.
21a_fast da.jpg
Auch kann man unterwegs noch so das eine oder andere sehen, wenn man nicht nur auf den See fixiert ist. Zum Beispiel gibt es im Ort ein wirklich großes rotes torii.
21b_und näher.jpg
Und dann kommen wir endlich zum Ufer. Leider ist das Wetter auch nicht so ganz das, was wir uns erhofft haben, aber zumindest stehen wir jetzt am Ufer. Und die Wolken, die von den umliegenden Bergen herabziehen, führen zu interessanten Effekten und Stimmungen.
21c_am See.jpg
Der See selbst wäre natürlich bei Sonnenschein vielleicht auch noch schöner, aber man kann ja nicht alles haben. Und wir haben schon viele Seen bei Sonnenschein gesehen und ein bisschen Abwechslung schadet nicht. Außerdem passt die Stimmung auch irgendwie zum anstehenden Jahresausklang.
21d_der See.jpg
Und dann müssen wir wieder nach Nikkô zurück, um den Zug nach Tôkyô zu erwischen. Leider stecken viele Busse noch auf der Iroha-zaka fest und wir müssen wieder - warten.
21e_und nun wieder zurück.jpg
Glücklicherweise können Japaner Schlangestehen (im Gegensatz zu vielen Deutschen) und so muss man zumindest nicht um seinen Platz in der Schlange kämpfen und wenn man bereit ist zu stehen, kann man mit etwas Glück sogar noch etwas schneller in den Bus kommen. Wobei schneller natürlich relativ ist, wenn man erst einmal ewig gestanden hat.
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

22. An apple a day...

Wir haben vor Jahren mal festgestellt, dass die Präfektur Aomori für zwei Dinge berühmt ist: Sumotori und Äpfel. Nunja, es gibt auch noch das ein oder andere Sommerfestival (die wir uns auch schon angesehen haben), aber das Hauptprodukt ist und bleibt der Apfel. Und das wissen nicht nur wir, das wissen natürlich auch die Leute in Aomori. Und so wird man überall in der Präfektur von Äpfeln verfolgt.

Das ist auch nicht wirklich neu. Schon vor Jahrzehnten wurde Reisenden ein Apfel aus Aomori als Souvenir ans Herz gelegt:
22a_historischer Apfel.jpg
Zur Info: Das ist nicht ganz so abgedreht, da Japaner gerne Lebensmittel als Souvenirs verschenken.

Und Äpfel beschränken sich nicht auf die Präfekturhauptstadt Aomori, sondern beherrschen die gesamte Präfektur. Ein riesiges Exemplar steht zum Beispiel am Bahnhof von Hirosaki.
22b_Riesenapfel.jpg
Und auch das Stadtmaskottchen von Hirosaki, Takamaru-kun, lässt sich gerne zwischen Apfelbäumen sehen.
22c_Takamaru-kun mit Apfel.jpg
Ansonsten hätten wir noch Apfelkunst...
22d_Apfelkunst.jpg
...und Apfelradio.
22e_Apfelradio.jpg
Und man kann natürlich auch Äpfel für den Hausgebrauch kaufen. Manchmal findet man sie einfach am Straßenrand auf einem Stand. Man lässt das Geld da und nimmt sich einen Apfel oder eine Apfeltüte (je nachdem, was angeboten wird). Und das sind zum Teil sehr beeindruckende Äpfel.
22f_Äpfel.jpg
PS: Das Bier ist nicht aus Aomori und dient nur dem Größenvergleich.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

23. Ein Trip in die Vergangenheit

Wir bleiben noch einen Tag in Aomori, Präfektur wie Stadt, und sehen uns Sannai Maruyama an. Hier wollte die Stadt Aomori im Jahr 1992 eigentlich ein neues Baseballstadion bauen, stattdessen wurde eine der bedeutendsten altsteinzeitlichen Siedlungen Japans gefunden.

In Sannai Maruyama gab es menschliche Siedlungen ab etwa 3900 v. Chr., damals aber nur als temporäre Siedlung. Die Menschen waren noch nicht sesshaft und lebten nur zeitweilig in Sannai Maruyama. Die Behausungen waren im Prinzip Erdlöcher mit einfachen Dächern, die nicht auf Dauer angelegt waren.
23a_einfache Hütte.jpg
Bis zur Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus, kurz bevor die Siedlung aufgegeben wurde, hatte sich Sannai Maruyama dann zu einer dauerhafteren Einrichtung entwickelt. Es gab viele kleine Hütten und auch größere Gebäude, etwa für Versammlungen. Diese waren immer noch um Erdvertiefungen gebaut, aber deutlich dauerhafter als die ersten Hütten.
23b_komplexere Hütte.jpg
Auch Vorräte wurden nicht mehr kurzfristig in Erdlöchern gesammelt, sondern in erhöhten Speicherhäusern gelagert, die es Schädlingen erschwerten, an die Nahrungsmittel zu gelangen.
23c_komplexer Speicher.jpg
Das bekannteste Gebäude von Sannai Maruyama ist allerdings kein Haus, sondern eine hohe Holzkonstruktion, die zwischen den Häusern steht. Wozu dieser Turm gedient hat, ist nicht endgültig geklärt. Es könnte ein Wachturm gewesen sein, ein Denkmal oder ein Schrein. Oder alles oder etwas ganz anderes.
23d_Fälschung.jpg
Die Nutzung ist vermutlich auch deshalb schwer herauszubekommen, weil die archäologische Grundlage, auf der das Gebäude beruht, nicht so ergiebig ist. Sechs große Löcher mit Resten von Holzpfosten ist das, worauf die Konstruktion beruht.
23e_Original.jpg
Und das Baseballstadion? Wurde nie gebaut. Stattdessen wurde das alte Stadion, das eigentlich erstetzt werden sollte, renoviert und bis heute weiter genutzt.
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Watashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Watashi »

24. Der Rest

Und wieder neigt sich ein Adventskalender dem Ende zu und es ist Weihnachten (so gut wie). Und so will ich noch einmal auf ein paar Punkte zurückkommen, die wir dieses Jahr gesehen und gelernt haben:

1. Schnee in Tôkyô ist selten, aber nicht unmöglich. Und manchen, wirklich manchmal, kommt sogar genug Schnee herunter, um einen Schneemann zu bauen.
24a_Schneemann in Mitaka.jpg
Der wird in der Regel nicht alt, aber er hat gelebt, wenn auch kurz. Den hier gezeigten Schneemann habe ich übrigens vor dem kleinen Apartmenthaus entdeckt, in dem ich mal gewohnt habe. Meine Wohnung war im ersten Stock, die dritte von links (das war allerdings über ein Jahrzehnt früher).
24b_vor Sakura Heights II.jpg
2. Japaner verschenken gerne Essen. Das hat den Vorteil, dass man in den engen Wohnungen nicht unter all den Neujahrs-, Mitte-des-Jahres- und Reisegeschenken erstickt. Und wenn man etwas nicht mag, muss man es nicht im nicht vorhandenen Keller verstecken und hervorkramen, wenn der Schenkende zu Besuch kommt, sondern kann es einfach vernichten. Ich habe sogar mal ein weihnachtstaugliches Lebkuchenhaus gesehen.
24c_Essen zum Verschenken.jpg
Das ist allerdings in Japan noch nicht Standard.

3. Briefkästen müssen nicht langweilig sein. Hier ist ein Weihnachtsbriefkasten, in den man die Post an Santa Claus stecken kann. Was dann allerdings mit der Post passiert, kann ich auch nicht so genau sagen.
24d_Briefkasten für Weihnachtspost.jpg
4. Japaner diskriminieren keine Feiertage, nur weil sie weder buddhistisch noch shintoistisch noch japanisch sind.
24e_Frohe Weihnachten.jpg
Und nun: Frohe Weihnachten.
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Profomisakari »

Danke, Anke!
Ganz gleich, ob pünktlich oder gnadenlos verspätet.
Es ist wieder ein großes Geschenk

Profomisakari
Zuletzt geändert von Profomisakari am 26. Dez 2016 00:21, insgesamt 1-mal geändert.

Shinkansen
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Shinkansen »

Unpünktlich oder nicht. Er ist vollständig und extrem spannend. Danke für die Einblicke in eine komplett andere und völlig unverständliche Welt.
Das kann doch alles nicht wahr sein.

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tainosen
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von tainosen »

... schön schön neue Bilder von der 2. Heimat zu sehen und ergiebige Erläuterungen dazu zu lesen. :applaus :Chinese
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Schnappamawashi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Schnappamawashi »

Watashi hat geschrieben:18. Badkultur in Japan

Heute betrachten wir mal keine klassische Sehenswürdigkeit, sondern wir machen in Kultur. In Badekultur.

Die Japaner sind nämlich schon seit langer Zeit ein sehr reinliches Volk. Ein abendliches heißes Bad gehört einfach zur Kultur. Nun konnte sich aber traditionell nicht jeder ein eigenes Badezimmer leisten, deshalb gab es (und gibt in Teilen bis heute) in vielen Nachbarschaften Gemeinschaftsbäder, wo jeder hingehen und gegen eine geringe Gebühr baden konnte.

Man brauchte also keine eigene Badewanne, sondern konnte ein paar Straßen weiter ein heißes Bad nehmen, in der Regel nach Männern und Frauen getrennt.
18a_öffentliches Bad.jpg
Bevor man aber in die Badewanne oder das heiße Bad steigen darf, muss man sich in Japan immer erst einmal außerhalb des Bades einseifen und abduschen. Dafür gibt es in Gemeinschaftsbädern entweder Handbrausen, Wasserhähne oder Zuber mit heißem Wasser. Nur wenn man vollständig sauber ist, darf man ins Bad steigen.
18b_aber erst abduschen.jpg
Die traditionellen Badehäuser sind dabei alle ähnlich gestaltet, nicht nur von den sanitären Anlagen her, sondern auch vom Design. Über dem Bad prangt standardmäßig ein Bild des Fuji an der Stirnwand. Es gab dafür einen eigenen Beruf: den Fuji-Maler. Dieser ging von Badehaus zu Badehaus und erneuerte die Fuji-Bilder in regelmäßigen Abständen. Mit den öffentlichen Badehäusern ist allerdings auch der Beruf des Fuji-Malers im Aussterben begriffen.

Wer es sich leisten konnte, hatte aber immer sein eigenes Bad. Die Wannen sind dabei traditionell sehr viel kleiner als in Europa, dafür tiefer. Man liegt also nicht in der Wanne, sondern sitzt darin. Ursprünglich waren diese Zuber natürlich aus Holz.
18c_privates Bad.jpg
Mit der Verwestlichung des Lebens kamen auch neue Möglichkeiten der Badgestaltung auf, zum Beispiel gefließte Wannen. Die Badekultur hingegen blieb dieselbe und die Form der Wanne veränderte sich auch nicht radikal.
18d_privates Bad neuer.jpg
Heute gibt es kaum noch Häuser oder Wohnungen ohne eigenes Bad, obwohl zumindest bis Ende der 1990er einige Studenten aus Marburg während ihres Auslandsstudiums in Tôkyô ein Zimmer ohne Bad hatten und ins öffentliche Badehaus gingen. Das war bei mir aber nicht so.

Heute haben auch alle halbwegs ernsthaften Hotelzimmer ein eigenes Badezimmer. Die sind aber in der Regel nicht so schick, sondern Einbaubadezimmer aus Plastik, bei denen die Badewanne gleich mit drin ist. Diese Wanne ist dann oftmals auch noch kleiner.
18e_Hotelbad neuer.jpg
Und weil das dann doch nicht so schön ist, haben viele bessere Hotels nicht nur Einbaubäder, die etwas größer sind als das gezeigte, sondern auch ein Gemeinschaftsbad (oder mehrere), in dem die Gäste ganz traditionell ein heißes Bad nehmen können. Und so schließt sich der Kreis wieder.

PS: Die meisten der gezeigten Wannen stammen aus dem Edo-Tokyo Open-air Architectural Museum, das wir uns in der Zukunft auch irgendwann mal genauer ansehen werden.
genau das interessiert mich als SHK - Mensch natürlich ganz besonders . :applaus
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Hana-ichi
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Hana-ichi »

Auch wenn es noch so durchgenudelt ist:

Danke, Anke!

(und meine japanischen Tassen traue ich jetzt kaum noch zu benutzen)

Frohe Weihnachten (gehabt zu haben) und alles Liebe für 2017

Silke
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Mikadofuji
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Mikadofuji »

Nachdem ich hier ja schon Ewigkeiten nicht mehr reingeschaut habe :

Ich wünsche allen, wenn auch etwas verspätet, ein frohes neues Jahr !

Und natürlich auch vielen Dank für den Adventsklaneder.

Tikozan
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Re: Ein gnadenlos verspäteter Adventskalender

Beitrag von Tikozan »

Vielen Dank für den Adventskalender.
Für mich, der wohl nie nach Japan kommen wird :cry: , sehr spannend und interessant. Nochmals DANKE.

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