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Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Japan, Japaner und deren Sprache

Moderator: Watashi

Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 1. Dez 2009 20:25

Liebe Leser,

um das Warten auf Weihnachten und das nächste basho zu verkürzen, habe ich beschlossen, einen kleinen Adventskalender zu erstellen. Jeden Tag gibt es ein Foto aus Japan zusammen mit einer Erläuterung. Das kann geschichtlicher, historischer oder geographischer Natur sein. Bezüge zum Sumo sind allerdings allenfalls zufällig.

Ich hoffe, es macht euch trotzdem ein bisschen Spaß. Bei Bedarf kann ich das in unregelmäßiger Folge auch im neuen Jahr fortsetzen.

PS: Für alle Fotos habe ich das Copyright, es gibt also kein Problem mit Rechtsverletzungen.

PPS: Für diejenigen, die auch ein wenig Interesse an der Geographie des Adventskalenders haben, gibt es eine Karte, auf der ich jeden Tag die neuen Städte eintragen werde.
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 1. Dez 2009 20:29

1.Hakodate – Christentum in Japan

Als erstes besuchen wir Hokkaidō, die nördlichste der japanischen Hauptinseln. Hokkaidō ist eine eigene Präfektur und flächenmäßig die mit Abstand größte, allerdings auch die am wenigsten dicht besiedelte. Hokkaidō war die letzte Hauptinsel, auf der noch die Ureinwohner herrschten und wurde erst spät von den Japanern kolonialisiert. Heute gibt es nur noch wenige Nachfahren der Ureinwohner, der Ainu.

Hokkaidō ist aber auch die Russland am nächsten gelegene japanische Insel. Deshalb war einer der ersten Häfen, die Mitte des 19. Jahrhunderts für Ausländer geöffnet wurden, Hakodate im Süden der Insel. Bis heute hat es daher ein vergleichsweise internationales Flair, was sich unter anderem in vielen westlich beeinflussten Gebäuden, einer Vielzahl an Ausländerfriedhöfen (für Russen, für Franzosen, für Engländer, für Chinesen…) und einer Reihe von christlichen Kirchen zeigt. Die Besonderheit ist dabei, dass es mehrere Kirchen unterschiedlicher Konfessionen gibt. Die meisten christlichen Kirchen in Japan sind in erster Linie „christlich“, die Campuskirche meiner christlichen Universität bezeichnet sich beispielsweise als „ökumenisch“. Ich habe mal eine japanische Christin mit der Frage nach ihrer Konfession in echte Erklärungsnöte gestürzt. Allenfalls die römisch-katholischen Kirchen werden als solche ausgewiesen, die anderen sind häufig undifferenziert „protestantisch“.
Nur etwa 1 % der Japaner sind Christen. Daher können nicht beliebig viele Kirchen nebeneinander bestehen. Das ist nur in Hakodate anders. Hier gibt es auf einem Haufen in Rufweite voneinander drei Kirchen: eine katholische, eine anglikanische und bedingt durch die geographische Nähe zu Russland eine der wenigen russisch-orthodoxen Kirchen Japans, komplett mit Zwiebeltürmchen. Nur 3 % aller Christen in Japan sind orthodox, die meisten davon in Hokkaido, daher die eigene Kirche in Hakodate.
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon gernobono » 1. Dez 2009 21:45

Watashi hat geschrieben: Ich habe mal eine japanische Christin mit der Frage nach ihrer Konfession in echte Erklärungsnöte gestürzt. Allenfalls die römisch-katholischen Kirchen werden als solche ausgewiesen, die anderen sind häufig undifferenziert „protestantisch“.


ich weiss nicht, ob ich mit demposting den fluss des adventskalender störe, aber erstmal will ich mich bedanken und dann finde ich, dass die kirche "russisch" aussieht.......
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 1. Dez 2009 21:59

gernobono hat geschrieben:ich weiss nicht, ob ich mit demposting den fluss des adventskalender störe, aber erstmal will ich mich bedanken und dann finde ich, dass die kirche "russisch" aussieht.......


Erstmal: Ich bin für jede Rückmeldung dankbar, da ich das hier kurzfristig ausgeheckt habe und für Anmerkungen oder Verbesserungsvorschläge offen bin. Also, bei Fragen oder Problemen immer her damit!

Und dann: Das ist die russisch-orthodoxe Kirche von Hakodate. Bei der Gestaltung hat sich die Gemeinde wohl von der russischen Mutterkirche beraten lassen. Die obige konnte ich jedenfalls sofort den Russen zuordnen.
Die anglikanische hingegen ist sehr modern (vgl. nächstes Foto):
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Jakusotsu » 1. Dez 2009 22:15

Ui! Da gibt es nun tatsächlich einen Grund, sich auf die kommenden Adventstage zu freuen! Vielen, vielen Dank, Anke! :Chinese
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Fay » 2. Dez 2009 16:24

Schöne Idee, da sieht man auch mal etwas anderes als Sumo 8)

Danke schön!
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 2. Dez 2009 20:46

2. Esashi – Geschichte eines lokalen Festivals

Einmal quer über die Südspitze von Hokkaidō liegt die Stadt Esashi, direkt am Meer (siehe Foto). Der Name Esashi stammt aus der Sprache der Ainu, der Ureinwohner und steht für konbu, eine Art von Tang, die in Japan häufig als Suppenbasis verwendet wird.

Esashi Panorama klein breit3.jpg


In der Edo-Zeit (1600-1868) war Esashi eine wohlhabende Fischergemeinde mit reichen Kaufleuten, die direkt am Wasser ihre großen Häuser gebaut hatten. Zu der Zeit entwickelte sich in der Stadt eine eigene Variante eines traditionellen Volksliedes aus der Gegend von Nagano, die auch im Rest Japans als Esashi Oiwake bekannt wurde. Das Lied ist eine ruhige Ballade, die zu einem einsamen Saiteninstrument vorgetragen wird (siehe Foto). Früher zur shamisen – heute zur shakuhachi.
Doch um 1900 verschwanden die Heringsschwärme, die die Grundlage für den Wohlstand waren, plötzlich aus den Gewässern vor Esashi. Daher warb die Stadt im ganzen Land um Touristen unter anderem mit dem schon bekannten Esashi Oiwake. Es entstand ein regelmäßiges Festival, bei dem der Esashi Oiwake vorgetragen wurde. Die Legende will es aber, dass diese Tradition nicht beständig war und wieder einschlief. Dann wurde der Ort jedoch von Katastrophen heimgesucht und anschließend brach auch noch der Zweite Weltkrieg aus. Diese Unglücke überzeugten die Einwohner von Esashi, das Gesangsfestival wieder aufzunehmen und seit 1963 schließlich wurde daraus ein jährlicher Sängerwettstreit. Hier kämpfen fast 300 Sänger jedes Jahr darum, der beste Interpret des Esashi Oiwake zu werden.

Esashi Oiwake.JPG


PS: Ich werde im ersten Posting einen Link zu einer Karte bei GoogleMaps einstellen, wo ihr jeden Tag der Route des Adventskalenders folgen könnt.
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon tainosen » 2. Dez 2009 21:12

Watashi hat geschrieben:....und steht für konbu, eine Art von Tang, die in Japan häufig als Suppenbasis verwendet wird.


Erst einmal - der schönste Adventskalender hier wo es gibt :D

Apropos konbu - ich wollte letzte Woche ein leckeres Shabu Shabu mit neuseeländischem Rinderfilet machen, und für die Brühbasis ist konbu ein essential.
Als ich danach im einschlägigen ostasiatischen Fachhandel gefragt habe, wurde ich bloß blöd angeglotzt - ist das nur in Berlin so, oder gibt es das Zeug tatsächlich nur in Nihon :?:
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Mikadofuji » 3. Dez 2009 14:03

Vielen Dank für die Mühe. Ich werde hier auf jeden Fall mitlesen und auf das 24. Türchen warten :applaus .
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Meyeryu » 3. Dez 2009 18:38

Genau, denn am 24. kommt in Japan der alljährliche Geschenkebringer. :mrgreen: (O-Ton Simpsons)
Das Danke, Anke ist schon ausgelutscht, oder ? Trotzdem eine super Idee.
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 3. Dez 2009 19:15

3. Aomori – Äpfel, ein Tunnel und ein Sommerfestival der etwas lauteren Art

Von Hokkaidō setzen wir über nach Tōhoku. Dazu zuerst eine kurze sprachliche Einführung: Wir fahren von der Nordmeerprovinz Hokkaidō 北海道
HOK(U) – Norden,
KAI – Meer,
– Weg oder hier eher Provinz

in den Nordosten 東北
– Osten
HOKU –Norden

der Hauptinsel Honshū 本州
HON – Haupt-
SHŪ – Provinz(en).

Im Norden von Tōhoku liegt die Präfektur Aomori (Grüner Wald). Diese ist für zwei Dinge bekannt: Äpfel (Foto) und sumōtori (Takamisakari verbindet beides, da seine Eltern Apfelbauern sind).

3 Aomori ringo.JPG


Ansonsten gilt die Gegend als rückständig, zudem hat sie noch immer keine Anbindung ans Shinkansen-Netz (was sich aber nächstes Jahr ändern soll). Früher musste man von Hakodate nach Aomori mit der Fähre übersetzen, egal ob zu Fuß, mit dem eigenen Fahrzeug oder mit der Bahn. Seit 1988 gibt es jedoch den Seikan-Tunnel, den längsten Eisenbahntunnel der Welt. Es ist vor allem deshalb so lang, weil seine Erbauer bei der Planung Anfang der 1970er schon daran dachten, den Tunnel Shinkansen-fähig zu machen, auch wenn jede Form von Tōhoku-Shinkansen damals noch Zukunftsmusik war. Um dem Schnellzug eine angemessene Geschwindigkeit zu ermöglichen, dürfen Steigung und Gefälle nicht sehr groß sein (maximal 2 %) und daher muss der Tunnel langsam abfallen und wieder ansteigen. Bei bis zu 240 m unter dem Meeresspiegel muss der Tunnel dann dementsprechend lang sein.

Tōhoku ist zwar wirtschaftlich rückständig, aber beim Feiern ganz vorne mit dabei. Die meisten Städte haben Sommerfestivals, von denen viele landesweit bekannt sind. Das nebuta matsuri in Aomori ist eines der bekanntesten und lautesten. Im Gegensatz zu dem ruhigen Balladenwettstreit in Esashi werden hier riesige, beleuchtete Festwagen (Foto) von jungen Männern durch die Straßen gefahren, geschoben und gehoben, die sich lautstark anfeuern und durch Sake in die richtige Stimmung bringen.

3 Aomori nebuta matsuri.JPG
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 4. Dez 2009 19:41

4. Morioka – Die Kirsche und der Stein

Das Verhältnis der Japaner zur Natur ist etwas ambivalent. Auf der einen Seite wird innerstädtisch planiert (fast) ohne Rücksicht auf Verluste und auf der anderen Seite werden bestimmte Naturphänomene, wie berühmte Bäume, gehegt und gepflegt. Und im Zweifelsfall wird auch drum herum gebaut.

Um uns ein solches Phänomen anzusehen, steigen wir in Aomori in den Schnellzug und gondeln bis Hachinohe, wo wir in den Tōhoku Shinkansen steigen und noch ein kurzes Stück nach Morioka fahren. In Morioka verlassen wir den Bahnhof und als erstes müssen wir über den Kitakami-gawa, einen Fluss, dessen Lauf und Ufer nicht mehr ganz natürlich sind.

4 Morioka.JPG


Dann wandern wir weiter, biegen einmal auf die Hauptstraße ab und stehen irgendwann vor dem District Court von Morioka. Hier sind wir aber nicht wegen des Gerichtsgebäudes, das ein rechtschaffen hässlicher Bau ist, sondern wegen des etwa 400 Jahre alten Zierkirschbaums in dessen Vorgarten.
Die Japaner sind ohnehin Fans der japanischen Zierkirsche (Japanisch: 桜 sakura). Jedes Jahr wird landesweit dem offiziellen Öffnen der ersten Kirschbäume entgegengefiebert. In Tōkyō am Yasukuni jinja gibt es zu diesem Zweck den „offiziellen“ Kirschbaum. Ende März/Anfang April kommt dann täglich ein Beamter des japanischen Wetteramtes, das auch für die Kirschblüte zuständig ist, und betrachtet die Knospen. Irgendwann stellt er dann bedeutungsschwanger fest: 始まりました! „Hajimarimash(i)ta!“ („Sie hat begonnen!“) und alle Besucher ziehen ihre Handys und machen Fotos.
Doch zurück nach Morioka. Die Japaner sind nicht nur Fans von Zierkirschen, sondern auch von besonderen Leistungen. Eine solche wird dem 石割桜 Ishiwari-zakura unterstellt. Der Name bedeutet
ishi – Stein
wari – zerbrechen
-桜 -zakura – japanische Zierkirsche
Also „die Kirsche, die den Stein zerbricht“. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass der Baum wirklich den Stein gespalten hat und nicht nur einen vorhandenen Spalt genutzt hat, aber interessant sieht es auf jeden Fall aus.

4 Ishiwari zakura.JPG
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Jakusotsu » 5. Dez 2009 00:27

Meisterhafte Prosa! (von den Bildern ganz zu schweigen) Ich freue mich jeden Tag mehr. :D
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 5. Dez 2009 18:22

5. Kitakata, Fukushima – Echte Männer

Unser letzter Stopp in Tōhoku ist Kitakata, in den Bergen der Präfektur Fukushima. Fukushima ist ein Ortsname, der in Japan recht häufig ist (vor zwei Jahren hatten wir im Adventskalender schon die Stadt Fukushima in Hokkaidō). Das ist nicht schwer zu verstehen, wenn man sich ansieht, was Fukushima heißt:
fuku - Glück
shima – Insel
Fukushima ist also die „Insel des Glücks“.

In Deutschland muss ein echter Mann ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen. In Kitakata muss ein echter Mann ein 蔵 kura, eine japanisches Speicherhaus bauen. Die japanischen Speicher haben dicke Lehmwände und sind im Gegensatz zu den normalen japanischen Häusern, die aus Holz bestehen, feuerfest. Sie haben meistens mehrere Sätze von Türen und dicke Fensterläden, um sicher zu sein. Insofern ist es sinnvoll, einige dieser Lagerhäuser zu haben.

5 kura.JPG


Nun kann aber keine Stadt so viele Lagerhäuser gebrauchen, wie es echte Männer gibt, und so begannen die Männer von Kitakata auch ihre Wohnhäuser und Tempel im kura-Stil zu bauen. Deshalb ist die Stadt heute nicht nur für Ramen (Nudeln) bekannt, sondern vor allem für Häuser, Läden, Museen und Restaurants im Stil der japanischen Lagerhäuser.

5 Anshoji.JPG

5 yashiki.JPG
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 6. Dez 2009 15:38

6. Musashisakai – Rush Hour in Japan

Wir verlassen das beschauliche Tōhoku und fahren weiter in die größte Metropolregion der Welt mit ca. 33 Mio. Menschen, die auf einem Haufen wohnen. In anderen Worten: Wir fahren nach Tōkyō. Bevor wir uns aber in das Stadtzentrum vorwagen, stehen wir in Musashisakai, einem Vorstadtbahnhof, am Gleis und warten auf den Zug in die Innenstadt.
Der Innenstadtbereich von Tōkyō hat etwa 8 Mio. Einwohner, mehr konnte man auf dem bisschen Platz schwer unterbringen. Eine Stadt Tōkyō gibt es übrigens schon seit 1943 nicht mehr, der Innenstadtbereich unterteilt sich in 23 Bezirke (-区 -ku), die (fast) wie eigene Städte geführt werden mit eigenem Stadtbüro und Bürgermeister. Einige Bezirke nennen sich daher in der englischen Übersetzung auch nicht mehr „Ward“ sondern „City“ (z.B. Toshima City für Toshima-ku 豊島区).

Da Wohnraum in Tōkyō-Innenstadt rar und damit sehr teuer ist, haben sich die Wohnstädte immer mehr nach außen verschoben und die meisten der Arbeitnehmer pendeln per Bahn in die Innenstadt. Pendelzeiten von 2-3 Stunden sind keine Seltenheit (pro Strecke, versteht sich). Inzwischen gibt es Leute, die jeden Tag 2 Stunden mit dem Shinkansen aus weit entfernten Orten pendeln. Aber auch in den Städten im Westen der Präfektur Tōkyō wohnen überwiegend Leute, die täglich ins Stadtzentrum pendeln. Das sind so viele, dass es auf den Bahnhöfen zunehmend eng wird.

6 Musashisakai-eki1.jpg


Eine Auffälligkeit in Japan ist, dass die Leute rennen, um noch in den abfahrbereiten Zug zu kommen. Das macht in Deutschland Sinn, morgens um 8 Uhr in Musashisakai, eine halbe Stunde westlich des Stadtzentrums von Tōkyō, nur bedingt: Die Züge fahren dort im 2-Minutentakt. Allerdings muss man zugeben, dass der nächste Zug genauso voll ist wie der jetzige.

6 Musashisakai-eki3.jpg


Damit die Leute überhaupt in die Züge passen, gibt es daher Angestellte der JR (Japan Railways), der Bahngesellschaft, die mit vorsichtigem Druck die Leute noch in die Wagen quetschen und die zu spät kommenden davon abhalten, sich auch noch ins Chaos zu stürzen. Und da wir in Japan sind, tragen diese Angestellten dafür natürlich Handschuhe.

6 Musashisakai-eki4.jpg
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 7. Dez 2009 19:46

7. Shinjuku – Die teuerste Aussichtsplattform der Welt

Wir haben es endlich in den Zug geschafft und fahren bis nach Shinjuku, einem der Stadtzentren von Tōkyō. Mit uns steigen die meisten Leute hier, am 新宿駅 Shinjuku-eki, dem Bahnhof von Shinjuku, aus. Dieser gilt mit mehr als 3 Mio. Passagieren, die die diversen Bahnen und Linien jeden Tag nutzen, als der meist genutzte der Welt. Wenn man sich hier verabreden will, sollte man sich sehr genau absprechen, da es bis zu 200 verschiedene Ausgänge incl. der unterirdischen Arkaden gibt.

Im Westen von Shinjuku steht das Gebäude der Präfekturregierung von Tōkyō, das Tōkyō-tochō-sha.
東京都 Tōkyō-to ist die Hauptstadtpräfektur Tōkyō,
都庁 tochō ist die Präfekturregierung
-舎 -sha ist deren Gebäude.
Das Gebäude der Präfekturregierung, oft fälschlicherweise als Rathaus von Tōkyō bezeichnet, wurde 1990 fertig gestellt und 1991 in Betrieb genommen. Es wurde während der bubble economy geplant und gebaut, als die japanische Wirtschaft unaufhörlich zu wachsen schien. Deshalb wurde bei den Baukosten geklotzt und nicht gekleckert, so dass am Ende etwa 1 Mrd. Euro zu Buche standen, die komplett aus Steuergeldern finanziert wurden.

7 Shinjuku.JPG


Die beiden höchsten Türme haben auf etwa 200 m Höhe im 45. Stock jeweils eine Aussichtsplattform, die kostenfrei zu betreten ist. Mit seiner 1 Mrd. Euro ist das Rathaus von Tōkyō damit wohl der teuerste Aussichtsturm der Welt, von dem man über das Häusermeer von Tōkyō sehen kann. Und man kann sehen, dass Tōkyō nicht nur aus Wolkenkratzern besteht, sondern vielmehr aus vielen mittelhohen Büro- und Wohnhäusern.

7 Tokyo.JPG
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Randomitsuki » 8. Dez 2009 14:10

Auch von mir vielen Dank für den Adventskalender!

Ich habe ja nun wirklich null Ahnung von Architektur, aber der Stil von dem Architekten der Präfekturregierung ist so augenfällig, dass sogar ich ihn wiedererkenne. Bei meinem einzigen Aufenthalt in Japan war ich zwei Nächte im Akasaka Prince Hotel in Tokyo, wo man sehr stolz darauf war, dass das Gebäude vom selben Architekten (Kenzo Tange) designt wurde.
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 8. Dez 2009 18:50

8. Tōkyō Dome – Anstehen in Japan

In Shinjuku steigen wir in die gelbe Chūō-Sōbu-Line und fahren weiter nach Osten. Wenn wir erst nach elf Stationen aussteigen würden, ständen wir direkt neben dem Kokugikan am Bahnhof Ryōgoku. Wir steigen aber schon an der siebten Station, am Bahnhof Suidōbashi, aus, um zu einem anderen Sporttempel zu gelangen: zum Tōkyō Dome. Hier finden viele Sportveranstaltungen statt, z.B. Pro Wrestling-Events oder K-1 Turniere. Es ist aber vor allem das Heimatstadion der Yomiuri Giants, dem bekanntesten, erfolgreichsten und meist gehassten Baseball-Team Japans (also das japanische Äquivalent zu Bayern München). Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ein Fan bin (von den Giants, nicht von Bayern München).
Für die nichtreservierten Sitzplätze und die besseren Stehplätze muss man frühzeitig anstehen, sonst steht man irgendwo in der vierten Reihe (zum Glück sind Japaner ja nicht so groß). Das ist aber kein Problem, Japaner stehen sowieso gerne an. Egal, ob vor dem Ramen-Restaurant, das gestern bei NHK gelobt wurde, den neuen Modeladen im Stadtzentrum oder dem Kaufhaus, wenn der nächste große Ausverkauf beginnt. Das Anstehen in Japan ist allerdings auch so eine Sache für sich. Man muss nicht unbedingt die Nacht durch in der Schlange kampieren. Es reicht völlig, wenn man einen Platzhalter hinterlässt, beispielsweise eine blaue Plastikplane, einen Pappdeckel oder eine Decke etc. Deshalb sehen viele solcher „Schlangen“ für Europäer etwas gewöhnungsbedürftig aus:

8 Tokyo Dome1.jpg


Man bleibt natürlich brav in der vorgezeichneten Reihe und lässt immer noch genug Platz, damit Passanten an der Schlange vorbei und auch durch die Schlange durch können. Dann geht es weiter mit der Schlange.

8 Tokyo Dome2.jpg


Die Methodik mit den Plastikplanen funktioniert übrigens auch bei hanami (Kirschblütenfeiern) und hanabi (Feuerwerken) im Sommer. Obwohl ich gehört habe, dass das nicht mehr so sicher ist wie früher. Wenn man die Plane eine Woche vorher platziert, muss man einmal am Tag nachsehen, ob noch alles am richtigen Platz ist. Es soll da so Leute geben, die anderer Leute Planen nicht respektieren, sondern einfach wegräumen, wenn der Besitzer nicht regelmäßig nachsieht. Aber das ist immer noch die Ausnahme.
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 9. Dez 2009 19:06

9. Kamakura – Ein Buddha und ein Berg

Wir verlassen den Stadtkern von Tōkyō und fahren nach Süden, durch die Reste der Präfektur Tōkyō, die Stadt Kawasaki (die neuntgrößte Stadt Japans) und die Stadt Yokohama (die zweitgrößte Stadt Japans, wenn man Tōkyō-Innenstadt als Stadt rechnet). Wenn uns niemand sagen würde, dass wir unterschiedliche Städte durchfahren, hätten wir es aber wohl nicht gemerkt, weil diese Städte längst zusammengewachsen sind.
Südlich von Yokohama liegt Kamakura. Diese Stadt war von etwa 1185 bis 1333 de facto-Hauptstadt Japans, da hier der Shōgun residierte. Der Tennō blieb zwar in Kyōto, weshalb die offizielle Hauptstadt Kyōto blieb, die wirklich Macht lag jedoch am Hof des Shōgun in Kamakura. Heute ist Kamakura zwar politisch unbedeutend, hat sich aber aus der Zeit als Regierungssitz einen Haufen Tempel und Schreine bewahrt. Der bekannteste darunter ist natürlich der Tempel mit dem großen Buddha, dem 大仏 dai-butsu
DAI – groß,
BUTSU – Buddha.
Dieser stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und war ursprünglich in einer Holzhalle platziert. Diese wurde im 15. Jahrhundert von einer Flutwelle zerstört, der Buddha blieb jedoch heil. Und dadurch ist er bei weitem fotogener als eine ähnliche Statue in Nara, die ihr Dach noch hat.

9 Dai-butsu.JPG


Bei klarem Wetter hat Kamakura aber nicht nur eine interessante Geschichte zu bieten, sondern auch eine interessante Aussicht. Im Südwesen Kamakuras kann man über eine Brücke zur Insel Enoshima laufen. Diese ist per se schon einen Ausflug wert, mit etwas Glück kann man von der Brücke aber in der Entfernung auch den Fuji-san sehen, den höchsten Berg Japans (der nicht Fuji-yama heißt, das ist eine in diesem Fall falsche Lesung des letzten Kanji -山 -Berg).

9 Fuji.JPG
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Re: Quer durch Japan – Ein Adventskalender in 24 Bildern

Beitragvon Watashi » 10. Dez 2009 20:05

10. Magome bis Tsumago – Entlang der alten Poststraße

Wir fahren nach Yokohama zurück und steigen in den Shinkansen nach Westen. Dieses ist die älteste Shinkansen-Strecke, von Tōkyō nach Ōsaka, die 1964 zu den Olympischen Spielen eröffnet wurde und damit die älteste Hochgeschwindigkeitszugverbindung der Welt ist. Diese Strecke ist heute als der Tōkaidō-Shinkansen bekannt. Woher dieser Name?
Es gab früher zwei Poststraßen, die Kyōto mit Edo verbanden: den Tōkaidō, der am Pazifik entlangführte, und den Nakasendō, der durch die Berge verlief.
– Osten
KAI – Meer
– Weg
Also ist der 東海道 Tōkaidō der Weg am Ostmeer entlang (entlang der Pazifikküste).
NAKA – Mitte
SEN – Berg
– Weg,
Der 中山道 Nakasendō ist also der Weg mitten durch die Berge.
Der Tōkaidō-Shinkansen folgt lose dem Verlauf der alten Poststraße am Pazifik entlang. Der Nakasendō ist nicht mehr so prominent vertreten. Deshalb werden wir uns heute seiner annehmen.

Die alten Stationen am Nakasendō im Kiso-Tal waren früher reiche Orte. Leider wurde nach Ende des alten Regimes eine Eisenbahnstrecke gebaut, die auf der anderen Seite des Kiso-Tals verläuft. Damit waren die alten Stationsstädte von der modernen Entwicklung abgeschnitten. Schließlich machten zwei davon, die Ort Magome und Tsumago aus der Not eine Tugend und vermarkteten sich für Touristen als Zeugen einer vergangenen Zeit. Heute gehören beide zu beliebten Ausflugszielen und wer Lust hat, kann entlang der alten Poststraße von einem zum anderen wandern (aber Vorsicht vor den Bären, die dort ab und zu gesehen werden).

Magome liegt an einer ansteigenden Stelle des Nakasendō. Das führte zum Beispiel dazu, dass hier Wasserräder als Antrieb für Maschinen eingesetzt werden konnten. Heute ist eine der „Sehenswürdigkeiten“ der Postbote, der seinen normalen Dienst in historischen Kleidern ausführt.

10 Magome.JPG


Die Poststraßen waren nicht so breit wie die großen Straßen in Europa. Die Mindestbreite war so, dass zwei Läufer aneinander vorbeilaufen konnten. Diese Läufer waren für die Übermittlung von Nachrichten zwischen Edo und der Region um Kyōto zuständig. Sie liefen mit der Nachricht eine bestimmte Strecke entlang der Poststraße und gaben sie dann an den nächsten Läufer weiter. Heute kann man die Strecke ganz entspannt entlang wandern.

10 Nakasendo.JPG


Tsumago achtet darauf, dass an der Hauptstraße keine Zeichen der Moderne zu sehen sind. Es gibt hier keine Autos oder auch nur Fahrräder, auch die in Japan üblichen überirdischen Stromleitungen wurden entfernt und man sieht keine Fernseh- oder Satellitenantennen.

10 Tsumago.jpg
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