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Das Wort der Woche

Japan, Japaner und deren Sprache

Moderator: Watashi

74. gairai-go – Lehnwörter

Beitragvon Watashi » 8. Jul 2007 19:38

Ich bin mal wieder spät dran und außer dem Umzug meines Bruders, der mich bis Anfang der Woche beschäftigt hat, fällt mir auch keine Ausrede für die restlichen Tage ein. Also müsst ihr das einfach mal so hinnehmen. Sumimasen.

Diesen Monat werden wir uns mal mit ein paar Wörtern aus der Sprachwissenschaft beschäftigen. Keine Angst, ich will euch nicht in die Tiefen der Interpretation japanischer Schriften führen, sondern nur ein paar Arten von Wörtern vorstellen, wie Fremdwörter oder Sprichwörter.

Beginnen wir mit etwas, was uns schon verschiedentlich begegnet ist:

外来語 gairai-go – Fremd- oder Lehnwörter aus Fremdsprachen;
GAI – außen, außerhalb, draußen
RAI – kommen
GO – Wort, Rede, Sprache
外来語 gairai-go ist also ein Wort, dass von außen kommt, ein Fremdwort also.

Wir hatten ja schon jede Menge Lehnwörter, vor allem aus dem Englischen. Diese zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie in Katakana geschrieben werden, mit denen die Laute der Fremdsprache nachgebildet werden, im Zweifelsfall allerdings stark verkürzt (z.B. デパート depaato für department store).

Das wohl bekannteste Lehnwort aus dem Deutschen ist
アルバイト arubaito von deutsch „Arbeit“ (das zeigt wohl, was die Japaner über die Deutschen denken ;-)); das bedeutet im Japanischen aber nicht Arbeit, sondern „Teilzeitjob, Studentenjob“.
Andere deutsche Worte sind beispielsweise in der Medizin zu finden, weil hier bis zum Zweiten Weltkrieg Deutschland führend und Vorbild für Japan war. Damals lernten viele Ärzte sogar Deutsch, Beispiele sind:
ノイローゼ noirooze – Neurose
ヨード yoodo – Jod
Daneben beispielsweise Begriffe aus dem Wintersport, da Deutsche das Skifahren nach Japan gebracht haben sollen:
ゲレンデ gerende – von Gelände, in Japan: Skihang
スキー sukii – Ski, Skifahren ist allerdings aus dem Englischen

Eine kleine Übersicht über gairai-go in Katakana könnt ihr hierfinden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder überprüfte Richtigkeit selbstverständlich). Von oben nach unten: Portugiesisch, Holländisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch, Französisch, Chinesisch, Russisch.

Die ersten Fremdwörter (außer den chinesischen, die heute wie normale japanische Begriffe aussehen) kamen aus Portugal (erster Kontakt mit Japan 1543) und danach den Niederlanden (die einzigen, die während der Abschließungsphase Anfang 17. Jahrhundert bis 1854 mit Japan offiziell Handel treiben durften).

Heute werden alle Lehnwörter in Katakana geschrieben. Fremdworte, die ihren Weg ins Japanische allerdings schon vor Jahrhunderten gefunden haben, bekamen Kanji verpasst oder werden in Hiragana geschrieben, ein bekanntes Beispiel ist
天麩羅 (in Kanji)
天ぷら (gemischt, Kanji und Hiragana)
てんぷら (oder nur in Hiragana)
tempura – das sind Meerestiere wie Garnelen oder Gemüse durch Teig gezogen und frittiert, die die Japaner sich wohl von portugiesischen Missionaren abguckten, allerdings in veränderter Form (Meerestiere und Gemüse passten hervorragend zum japanischen Speiseplan). Es ist umstritten, von welchem Begriff tempura wirklich kommt, aber eine Erklärung besagt, dass es von „tempora“, kurz für Fastenzeit, kommt, weil die Dinger ursprünglich eine Fastenmahlzeit waren.
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75. kotowaza – Sprichwörter

Beitragvon Watashi » 14. Jul 2007 19:05

Da hätte ich fast vergessen, dass ich euch noch ein Wort schulde. Deshalb hier ohne große Vorrede:

ことわざ(諺)kotowaza – Sprichwort
Japanische Sprichwörter sehen natürlich völlig anders aus als deutsche. Man kann ja schon zwischen dem Englischen und Deutschen große Unterschiede ausmachen. Deshalb sei dringend davon abgeraten, einfache Übersetzungen deutscher Sprichwörter zu versuchen. Das kann nicht funktionieren (ähnliches gilt auch für deutschen und japanischen Humor).

ことわざ kotowaza ist eines der Wort, die zwar Kanji haben, aber oftmals in Hiragana geschrieben werden. Das liegt unter anderem daran, dass dieses Kanji nicht zu den

常用漢字 jōyō kanji – den Standardkanji, die in 12 Jahren Schule gelernt werden, gehört.
– normal, gewöhnlich, immer
– gebrauchen, benutzen
常用漢字 jōyō kanji sind also die Kanji, die man gewöhnlich benutzt. Es gibt gesetzlich festgelegt 1945 Standardkanji.
Die Standardkanji werden in normalen Texten ohne Lesehilfe verwendet. In Fachtexten werden je nach Leserschaft auch weitergehende Kanji unkommentiert verwendet. Darüber hinaus gehende Kanji werden entweder gleich in Hiragana geschrieben, wie kotowaza oft, oder mit kleinen Hiragana als Lesehilfe verwendet.

Diese Lesehilfen nennt man
振り仮名 furi-gana
振り furi (von furu) – schwanken, schwingen (und ein duzend andere Bedeutungen); unter anderem eben furigana
仮名 -gana kommt von kana, also Nutzung einer japanischen Silbenschrift, in der Regel Hiragana.
Furigana werden auch verstärkt in Kinderbüchern benutzt, da die Kinder naturgemäß noch nicht so viele Kanji gelernt haben. Das macht Kinderbücher sehr geeignet, wenn man mit dem Lernen der japanischen Sprache anfängt, weil sich die unbekannten Begriffe mit Lesehilfen viel einfacher nachsehen lassen, als wenn man erst die Lesung und dann die Bedeutung herausfinden muss.

In den ersten sechs Jahren, das ist in Japan die Grundschule, lernen die Kinder 1006 festgelegte Kanji, die so genannten
教育漢字 kyōiku kanji
KYŌ – Unterricht, Religion, unterrichten, lehren
IKU – Aufziehen, Erziehung
教育 kyōiku – Erziehung, Ausbildung
教育漢字 kyōiku kanji sind also die Kanji, die man in der ersten Erziehungsphase in der Schule lernt.

Ups, da bin ich wohl etwas vom Thema abgekommen, aber ich hoffe, ihr verzeiht mir.
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76. giongo, gitaigo – Onomatopöie

Beitragvon Watashi » 15. Jul 2007 17:51

Heute beschäftigen wir uns mit einer Besonderheit der japanischen Sprache, den

擬音語 giongo und 擬態語 gitaigo – Onomatopöie oder Lautmalereien.

GI – etwas nachahmen, Imitation, Nachahmung
ON – Ton, Geräusch
GO – Wort, Rede, Sprache
擬音語 giongo ist also ein Wort, das ein Geräusch nachahmt, also eine Lautmalerei.

擬音語 giongo ahmen einen Laut nach, der in der Realität existiert. Beispiele sind Tierlaute:
ワンワン wanwan – japanisch für „wau wau“ (also Hundelaute)
メーメー meemee – wie „mäh mäh“ im Deutschen (Schafe)

Ein anderes Beispiel ist
どきどき dokidoki – imitiert den Herzschlag, jemand, der sehr aufgeregt ist, kann sagen
どきどきしている。 „Dokidoki shite iru.“ – „Mein Herz schlägt wie verrückt“, „Ich bin so aufgeregt“.

GI – Nachahmung (wie oben)
TAI – Gestalt, Erscheinung
GO – Wort (wie oben)
擬態語 gitaigo ist also ein Wort, das eine Gestalt oder Erscheinung nachahmt. Das ist nicht ein direkter Ton wie bei den giongo, sondern eher ein Gefühl oder eine Erscheinung. Es bleibt jedoch fraglich, ob eine genaue Trennung möglich ist.

きらきら kirakira – leuchten, etwa von Sternen
星がきらきら光る。 Hoshi ga kirakira hikaru. – Die Sterne leuchten hell.

じろじろ(と見る) jirojiro (to miru) – angestrengt ansehen, anstarren

ぺらぺら perapera – fließend sprechen
彼女は日本語がぺらぺら話せます。 Kanojo wa Nihongo ga perapera hanasemasu. – Sie kann fließend Japanisch sprechen.

Das Japanische kennt duzende oder gar hunderte solcher Begriffe (und ich kann sie mir ums Verrecken nicht merken). Besonders bekannt sollten sie Manga-Fans vorkommen, soweit sie auch einmal in japanisch-sprachige Manga hineinsehen, denn die japanischen Comics sind ein besonderer Hort der Lautmalereien.
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77. dogi-go, doi-go, rui-go, ruigi-go – Synonyme

Beitragvon Watashi » 22. Jul 2007 19:07

Ein Spezifikum der japanischen Sprache ist es, dass es sehr viele Worte mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung gibt. Ein Beispiel für diese Synonyme ist das Wort „Synonym“ selbst:

同義語 dōgi-go
– gleich
GI – unter vielem anderen "Bedeutung"
GO – Wort
also ein „Wort gleicher Bedeutung“, ein Synonym.

同意語 dōi-go
– gleich
I – Bedeutung
GO – Wort
ähnlich wie oben.

類語 rui-go
RUI – Sorte, Klasse
GO – Wort
also „Worte für eine Sorte“ oder so.

類義語 ruigi-go
RUI – Sorte, Klasse
GI – Bedeutung
GO – Wort
also „Worte für eine Sorte von Bedeutungen“.

Ein Synonymwörterbuch oder Thesaurus ist dann ein
類語辞典 rui-go jiten oder
類義語辞典 ruigi-go jiten
JI – Sprache, Ansprache
TEN – Gesetz, (Gesetz-)Buch, Zeremonie
also ein Buch über Sprachen oder Worte oder das Gesetz der Sprache oder so.

Synonyme entstehen beispielsweise, weil verschiedene Kanji mit identischen oder ähnlichen Bedeutungen unterschiedlich zusammengesetzt werden können:
改正 kaisei – Reform
KAI – Reform, Revision
SEI – richtig

改革 kaikaku – Reform
KAI – Reform, Revision
KAKU – Reform, Revision

改善 kaizen – Reform, Verbesserung
KAI – Reform, Revision
ZEN – gut, richtig

Außerdem gibt es Synonyme, weil ein Wort aus dem Chinesischen kommt und eines japanischen Ursprungs ist:
見詰める mitsumeru – anstarren, ins Auge fassen (aus dem Jap.)
注視する chūshi suru – genau ansehen, anstarren (aus dem Chin.)
CHŪ – Anmerkung, Hinweis
SHI – sehen, ansehen
する suru – tun

Eine dritte Möglichkeit ist die Nutzung von Höflichkeitssprache. Diese wird meistens durch die Verbform ausgedrückt, doch bei einigen Verben gibt es andere Begriffe, wenn man ehrerbietig oder bescheiden sprechen will. Doch damit beschäftigen wir uns nächste Woche.
Watashi
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78. Kei-go – Höflichkeitssprache

Beitragvon Watashi » 28. Aug 2007 09:41

Leider wurden meine Bemühungen um das Wort der Woche durch einen kurzfristigen Japantrip und das anschließende Forumstreffen sabotiert. Ich hoffe aber, ab jetzt erst einmal wieder relativ regelmäßig posten zu können. Wirklich!

Aus unserem Sprachrundgang vom Juli fehlte noch ein Thema, dem ich mich jetzt widmen werde:

敬語 kei-go – die (echte) Höflichkeitssprache.
KEI – Respekt erweisen, verehren, achten
GO – Wort, Rede, Sprache
敬語 kei-go ist also die „Sprache des Respekts“ oder so.

Wir haben schon mehrfach gesehen, dass es für Verben verschiedene Höflichkeitsstufen gibt:
höflichkeitsleer – die Form, die man gegenüber guten Freunden oder engen Verwandten benutzt (auch die Wörterbuchform)
standardhöflich – die Form, die man Unbekannten oder weniger Vertrauten gegenüber benutzt (zum Teil wird auch diese schon zum kei-go gezählt).

Dazu kommen noch zwei weitere Stufen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit), die zur echten Höflichkeitssprache gehören:
尊敬語 sonkei-go – ehrerbietig; gegenüber Höherrangigen wie Vorgesetzten im Unternehmen, Professoren an Universitäten usw.
SON – jemanden achten/ehren/respektieren
KEI – Respekt erweisen, verehren, achten
尊敬 sonkei – Achtung, Respekt
GO – Wort, Rede, Sprache
尊敬語 sonkei-go ist also die „Sprache, um jemanden zu ehren“; somit Ehrerbietigkeit.

謙譲語 kenjō-go – bescheiden; gegenüber Höherrangigen, wenn man von sich selbst spricht
KEN – Bescheidenheit, Demut
– überlassen, nachgeben, nachstehen
謙譲 kenjō – Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit
GO – Wort, Rede, Sprache
謙譲語 kenjō-go ist also die „Sprache der Bescheidenheit“.

Beide Formen kann man regelmäßig bilden, es gibt aber einige Verben, die für eine oder beide Höflichkeitsstufen eigene Worte brauchen (womit wir wieder bei den Synonymen wären).

Ein Beispiel ist
食べる taberu – essen
食べます tabemas(u) – die standardhöfliche Form wird normal gebildet (wie immer)
召し上がる meshiagaru – essen, ehrerbietig (in Wörterbuchform)
いただく itadaku – essen, bescheiden (in Wörterbuchform)

oder
見る miru – sehen
見ます mimas(u) – standardhöflich
ご覧になる go-ran ni naru – ehrerbietig
拝見する haiken suru - bescheiden

Kei-go wirkt sich aber nicht nur auf die Verben aus, auch wenn es dort am auffälligsten ist. Da Adjektive wie Verben stehen können, müssen auch diese in höflicher Form verwendet werden.
Außerdem gibt es auch unterschiedlich höfliche Nomen. Beispielsweise ist
だれ dare – die normale Form des Fragewortes „wer?“
どなた donata – die ehrerbietige Form von „wer?“ (beispielsweise fragt die Reiseleiterin どなた様ですか。„Donata-sama des(u) ka?“ – „Wer sind Sie?“, wenn es sich um einen Kunden handelt).

Auch wird bei Nomen oft ein Höflichkeitspräfix verwendet. Vor das Nomen wird entweder die Silbe
お- o- oder
ご- go- gesetzt.
als Kanji werden beide spaßigerweise gleich geschrieben:
御-
Watashi
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